El Huerto

Alte Männer, die mit dreckigen Händen in ihrem Garten wühlen», sagte sie, das wäre nicht so ihr Fall. Sie freute sich über den kleinen beiläufigen Stich, obwohl es eigentlich um das Buch ging, das ich erwähnt hatte. Ich wartete auf Capricho – Ein Sommer in meinem Garten, Beat Sterchis neuestes Buch, welches nun wieder bei Diogenes erschienen ist. Ich bekam es rechtzeitig für die Ostertage. Der Verlag verzichtet sogar in seinem Klappentext darauf, die Bemerkung anzubringen, Sterchi sei ja der Autor des ebenfalls bei Diogenes erschienenen Romans Blösch, eines Klassikers der Berner Literatur sozusagen: ein Buch, auf das sein Verfasser – der vielseitige Übervater der quicklebendigen Berner Literatur – gerne reduziert wird.

Die Anzeige zum Blösch findet sich dann aber ‘natürlich’ als Eröffnungsbeitrag im Reklameteil des Bandes, den es bei Diogenes in altväterischer Tradition tatsächlich noch immer gibt.

Die kurze Blüte der Sternmagnolie erstreckte sich mit ihrem allmählich dichter werdenden strahlendem Weiss über einen nicht genau bestimmbaren Höhepunkt bis hin zu den ersten bräunlich-welken Flecken, während ich das Buch las. Es ist ein älterer und für eine Sternmagnolie recht stattlicher Baum, und seine Blüte ist einer der Höhepunkte in meinem Gartenjahr. Sobald sich die ersten Knospen weiss öffnen, gerate ich in Unruhe, denn plötzliche Kälteeinbrüche, Regen, später Schnee oder gar Hagel können das sich entfaltende Blütenwerk vorzeitig vernichten.

Dieses Jahr verläuft die Blüte über den ganzen Bogen, und nachts, wenn das Weiss letzte Lichter reflektiert, sieht es aus, als hielte der Vollmond Rast im Garten. Am Ostersonntag liege ich auf der gelben Decke im Rasen, geniesse den Frühlingstag, der sich, wärmer als angekündigt, dort ausbreitet und wechsle den Blick zwischen den Sätzen im Buch und den langfingrigen weissen Blättern der Magnolienblüten. Das geschieht nicht willkürlich, vielmehr erweist sich das weisse Buchcover mit seinem Gemälde einer mittelalterlichen Stadt, den weissen, rötlich-braunen, dazwischen grünen und blauen Flächen als eine optische Brücke zwischen Buch und Baum. Belustigt registriere ich die Verschmelzung von Gartenbuch und Garten.

Für einen Moment schliesse ich die Augen, wohltuend ermüdet vom Ostersonntag, und höre: vor allem das rauschende Flattern der kleinen Flügelpaare unzähliger Spatzen, die unverschämt dicht über mir vorbeiziehen. Sie sind keine stillen Gleiter, flattern aufgeregt, paarungs- und nestbausüchtig zwischen den reichlichen Büschen durch den Garten, wobei ihre Federn hektisch rascheln.

Sterchis Buch erzählt von dem Aufenthalt des Ich-Erzählers in einem katalanischen Dorf, mit dem er über viele Jahre bestens vertraut ist. Ein Sommerhaus und unter den terrassierten Gärten ein eigener huerto, den zu bepflanzen sich der Erzähler vornimmt, obwohl er eigentlich geplant hatte, in diesem Sommer, die Geschichte des Dorfes zu schreiben. Ich lese also von den vielen Gängen in den huerto, von den Versuchen, Kartoffeln und allerlei Gemüse zu pflanzen, von Steinböcken und Amseln, von Spatzen und einem Frosch, dessen Sprung ins Wasser einer Bewässerungsrinne ebenso bedeutend ist wie die zahlreichen Zufallsbegegnungen mit Nachbarinnen und Nachbarn des Dorfes. Der Fischhändler und gelegentlich sichtbare Geier, seltene Fahrten an die Küste, um Notizhefte für Schreibideen zu kaufen, sind gleichbedeutende Höhepunkte des Sommers.

Es ging mir um eine längst teuer gewordene Gewissheit. Nämlich darum, dass literarisch gesehen alles mit allem zu tun hatte und dass es eigentlich an Torheit grenzt, einem bestimmten Umstand mehr Bedeutung zuzumessen als einem anderen.

(Beat Sterchi, Capricho. Ein Sommer in meinem Garten. Zürich: Diogenes 2021, S. 87.)

Die Türkentauben landen auf dem Balkongitter. Zwei. Im Unterschied zu den Spatzen hört sich der Flug der Türkentauben immer leicht quietschend an, so als müssten die Flügel dringend einmal geölt werden. Der Klang ist irgendwie schwerfällig und altväterisch, und gravitätisch schreiten sie taubenkopfruckend über das Geländer. Wenn man aber einen Moment erwischt, in dem sie, ihre Flügel und Schwanzfedern spreizend, im Gegenlicht landen, so dass sie ihre hellen Bäuche gegen den Balkon und also gegen das Fenster und gegen den dahinter vor seinem Bildschirm sitzenden Blogger strecken, dann verwandeln sie sich in leuchtende Artefakte.

Es gibt dann diesen kleinen Moment einer zufälligen Schönheit, bevor sich unweigerlich Symboltraditionen vor den Blick schieben. Es sieht ja auch so aus.

Am Samstag hatte mir der Zweitjüngste geholfen, das Feuer im Garten vorzubereiten, und am Ostersonntag, kurz nach sechs Uhr, schaffe ich es dann tatsächlich – im zweiten Anlauf –, das Feuer auch zu entzünden. (Das entscheidende Kapitel in Sterchis Sommerbuch, in welchem der erzählende Vater seiner angereisten Tochter eine Lektion im Feuermachen gibt, hatte ich noch nicht gelesen, und diese Pfaditugend, die jeder Schweizer offenbar beherrscht, ist bei mir mangels Übung schlecht ausgebildet.) Aber der Moment also, als dann fast alle Kinder, deren Mutter, der Hund und Freundinnen um das Feuer stehen, während der Ostermorgen anbricht, und wenn man dann sagen möchte, wie wichtig es in der Gegenwart sei, Zeichen des Vertrauens, der Hoffnung zu setzen. Der Moment also, bevor man ihn zerredet.

Man begleitet den Ich-Erzähler auf einer kurzen Fusswanderung bergan zur kleinen Kapelle mit einer puppenhaften Madonna. Zwischen den Zeilen der leise Hauch einer Suche nach einem religiösen Erlebnis, bei der sich der Erzähler misstrauisch ertappt, um seine Zuflucht zu der Vorstellung zu nehmen, dass an diesem Ort auch die Quelle entspringt, welche die Gärten wässert.

Das Buch ist ein Credo, dass sich zwischen den Erdhäufungen der Kartoffelpfanzungen und den Notizbüchern des Schreibenden als stille Sommergeschichte entfaltet. Ein Credo, das nicht zerredet wird.

Keine Sommergeschichte ohne Bruchlinien, Bruchlinien zwischen einer Zeit, die vor und nach dem Sommer ihren Ort hat und als ausgesetzte Lebenswelt die Sommererfahrungen umschliesst. Sterchi verzichtet auf die deutliche Markierung der Grenzen, also auf eine Ankunft von einem bestimmten Ort und eine Abfahrt hin zu einem bestimmten Ort. Der Sommer entfaltet sich mit einer allmählichen Erkundung der Gartenarbeit, die unter den vielfältigen, teils etwas ironischen Kommentaren der Nachbar*innen sich zu achtbaren Ernteergebnissen steigert. Die Bruchlinie ist dennoch da; der in seinen huerto wandernde Autor wird an keinem Punkt zu einem selbstverständlichen Dorfbewohner. Er bleibt trotz allem eine beobachtende Gastexistenz, etwa so, wie auch das Schreiben als Schreiben aus der Distanz markiert ist. Durchgehend wird auf die Notizen verwiesen, in denen Augenblickseinfälle und Erlebnisse festgehalten woden sind und auf die sich der Erzähler immer wieder bezieht, um die Erlebnisse eines Tages, einer Stunde in der Erinnerung wachzurufen: Der Erzählende ist durch die Notate vom Erlebenden getrennt.

Und durch die Zeiten, also die Wahrnehmung von Zeit, denn in seiner Dorfgeschichte, die Sterchi anstelle der Geschichte des Dorfes seines Ich-Erzählers anbietet, wirkt die kalendarische Zeit, die Zeit der Wiederkehr, der Aussaat und der Ernte, des Sommers und ‘Altweibersommers’, der seit Jahrhunderten immer wieder begangenen Wege vom Dorf zu den terrassierten huertos und zurück. Diese Zeit des Dorfes kontrastiert mit der Ankunft und Abfahrt des Erzählers, seiner Frau, seiner Tochter – und mit den Fahrten an die belebte Küste.

Die Jüngste konnte beim Osterfeuer nicht zugegen sein, da ihr eine behördlich angeordnete Quarantäne das Familienosterwochenende beim Vater verwehrte. In Beat Sterchis Buch ist die Gegenwart der Pandemie nicht spürbar. Nur an einer Stelle verbindet sich das Gelesene für mich unweigerlich mit dem eigenen Erleben der Pandemiezeit: Der Erzähler beschreibt eine seltene Fahrt in den überfüllten Supermarkt an der Küste und kommentiert ironisch, wie sich vor einer unübersehbaren Auswahl an H-Milch-Produkten Kosument*innen die Lieblingsmarke wählen: als Gebrauch ihrer Freiheit. Diese Freiheiten, eigentlich die Verballhornung des Wortes Freiheit, locken nicht sie das Häufchen der Ungeduldigen zum maskenlosen Protest auf die Strasse, denke ich für einen Moment, bevor mich die unauffällige Schönheit der Beschreibungen wieder einholt und in das Buch zurückzieht.

Bei der Lektüre mache ich eine eigenartige Erfahrung. (Darauf komme ich gleich zurück.)

Es wird in diesem Buch nichts erzählt, also jedenfalls wird nicht erzählerisch entwickelt, wird keine Verkettung sinnstiftender Ereignisse zu einem grossen Erzählbogen verknüpft, der sich dann in der Lektüre entfaltete. Vieles lügen die Dichter, soll Solon einst gesagt haben, und von Emil Staiger wissen wir, dass es vielleicht auch heissen könnte: ‘über vieles täuschen sich die Dichter’. Von mir aus könnte es heissen: Vieles erzählen die Dichter. Das ist das Gleiche, denn im Erzählen verhalten sich Selbsttäuschung und Täuschung wie zwei Seiten einer Orange: Sie sind so gut wie ununterscheidbar. Alles Erzählen beruht auf dem Vorgang, «einem bestimmten Umstand mehr Bedeutung zuzumessen als einem anderen». Bestimmte Umstände werden zu Motiven, zu Gelenkstücken und Knoten der Narration, andere werden als blosse Beschreibungen, Nebensächlichkeiten marginalisiert.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lese ich einen Artikel über die Gemeinsamkeiten von Menschen, die an Schizophrenien leiden, mit solchen, die an Verschwörungstheorien glauben. Es geht um Testanordnungen, bei denen sich das gleiche Muster zeige: Beide zögen aus einer unzureichenden Menge von Informationen voreilig zu weitreichende Schlussfolgerungen. Auf dieser Stufe, erscheint mir der Ertrag der Untersuchungen eher banal, da er keine Spannung zwischen Vorannahmen und Studienergebnissen herzustellen vermag. (Auch die moralisatio am Schluss des Artikels stört mich.) Aber ich denke: Sie erzählen Geschichten, indem sie einzelne Umstände auswählen, um sie herum ein Netzwerk von Ursachen und Wirkungen entspannen und mit der scheinbaren Evidenz der Erzählung sich selbst und andere täuschen.

Ja, mir ist auch klar, dass in Capricho nicht einfach ein Protokoll direkter Erfahrungen vorliegt. Vielleicht hat der Autor die Kartoffelpflanzerei einfach nur erfunden. Warum nicht? Es wäre gleich. Es geht aber um die Aufmerksamkeit für Heterogenes (ein absichtsvolles Handeln im Garten neben einem zufälligen Geräusch etwa) und für den bedeutungslos bleibenden Zufall, der nicht Ereignis wird in einem an ihn anknüpfenden Faden.

Ein Mann arbeitet in einem Garten und setzt in gebückter Haltung mühsam Saatkartoffeln. Das Motorgeräusch eines Fahrzeuges wird hörbar. Der Fischhändler. Also eilt der Mann ins Dorf, um seine Besorgung zu machen. Dass er vom Garten den ganzen Weg hinunter nimmt, könnte vielleicht bedeuten, dass seine Frau im Nachbardorf bei ihrem sterbenden Vater weilt. Jedenfalls hört er vom Fischhändler, dass am Hafen Hilfsarbeiter gesucht werden, also versorgt er seine Hacke, die er aus dem Garten mitgebracht hat, klopft seine Jacke ab und fährt mit dem Fischhändler an die Küste… Wer weiss, wie es weitergeht. Vielleicht stirbt der Schwiegervater. Vielleicht bringt der Hafenjob einen dringend für die Reise gebrauchten Lohn. Vielleicht stehen nun bald gepackte Koffer im Dorf und ein Paar wandert aus. Der Beginn also einer Erzählung.

Bei Sterchi gibt es genug Erzählanlässe. Die Motive wachsen in der Beschreibung wie die Kartoffeln an die Oberfläche, aber sie werden nicht eingesammelt. Ein Mann arbeitet in einem Garten und setzt in gebückter Haltung mit den Händen in einem erdigen Boden Saatkartoffeln. Das Motorgeräusch eines Fahrzeuges wird hörbar: der Fischhändler. Beim Aufblicken werden Vögel sichtbar, Geier vielleicht über dem Castillo. Sorgsam werden die hälftigen Saatkartoffeln Reihe für Reihe abwechselnd mit der Schnittseite nach oben oder nach unten in die Erde gesetzt. Ein Nachbar geht vorbei, macht Bemerkungen zu den Kartoffeln und geht weiter, ohne dass der Mann geantwortet hätte. Eine Amsel zerrt einen Regenwurm aus dem Boden. Pues, así es la vida.

Ein Buch für erwachsene Menschen.

Gerade, als ich aber meinen Gedanken nicht unterbrechen wollte, sassen fünf Türkentauben auf dem Balkongeländer, so viele wie noch nie. Erst als der kalte Wind heftiger wurde, haben sie ihren Platz geräumt, um nun in der Weide im Garten zwischen dem hellen, sich allmählich entfaltenden Frühlingsgrün einen Platz zu finden: jede auf einem eigenen mindestens armdicken Ast.

Bei der Lektüre dieser Beschreibungen mache ich eine eigenartige Erfahrung. Einerseits ertappe ich mich dabei, in den blauen Eimer des Ich-Erzählers schauen zu wollen, um einen Blick auf die Ernteerträge des Tages zu erhaschen, andererseits beginne ich damit, Beobachtungen über den Ich-Erzähler anzustellen: Was ist der für einer?

Zentrum aller Beobachtungen. Klar. Aber auch jemand, dem die Dorfbewohner*innen in je eigener Art begegnen, dem sie freundliche, aufdringliche, ironische Bemerkungen zuwerfen, die Zeitung reichen. Einer, der in bestimmter Weise auf die Anwesenheit von Anna oder seiner Tochter reagiert, der belehrend das Feuermachen erklärt oder von Fliegen am Schreibtisch umsurrt wird, der in die Nacht schaut und dabei einen Hafen imaginiert, wo nur Dächer zu sehen sind. Einer, der sich auf dem Dorf dem Treiben der Küste entfremdet und fast einen Ekel empfindet, wenn er die dort sich drängenden Leiber beobachtet.

Man ist nah dran an einem Ich-Erzähler, der so im Zentrum aller Erlebnisse steht. Unweigerlich vergleicht man diesen Beobachtenden und seine Sommerdorfgeschichte mit dem, das man über den Autor weiss, wie man ihn vielleicht gesehen und gehört hat.

Einer, mit dem man eine Flasche Rotwein trinken würde, um sich gegenseitig die Lebensgeschichte zu erzählen. Dann würde man darüber lachen. Also über die unweigerlich sich einschleichende Torheit, «einem bestimmten Umstand mehr Bedeutung zuzumessen als einem anderen». Vielleicht hörte man dann einfach dem Zwitschern der Spatzen zu.

Und zum Schluss sagte einer: Así es la vida.

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "El Huerto," in: LITERATURFORUM.CH, 5. April 2021, https://literaturforum.ch/archiv/334; gesehen am 18. Oktober 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch