I. Krisenzeit – Novellenzeit

Gedanken eines Literaturwissenschaftlers in der Selbstisolation, 1. Teil

Womit beginnt ein Literaturwissenschaftler einen Text in Zeiten der Covid 19-Pandemie? Am besten so, wie jeder dieser Texte beginnen sollte: mit dem Bekenntnis, tief von der solidarischen Vernunft der Mehrheit berührt zu sein, und nicht zuletzt mit der Feststellung, dass alle Mitarbeitenden im eigenen Verantwortungsbereich – der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf – und, soviel ich sehe, auch überall sonst an der Universität mit unglaublicher Gelassenheit, Kreativität und Einsatzbereitschaft die neuen Arbeitsformen angenommen haben. Alle tragen in ihrem Bereich dazu bei, dass es trotz der besonderen Situation in der bestmöglichen Weise gelingen möge, Forschungsarbeiten voranzutreiben, die Lehre mit den Studierenden gemeinsam umzusetzen und akademische Nachwuchsperspektiven zu fördern.

Selbstverständlich läge es für den Literaturhistoriker auch nahe, anders zu beginnen: etwa mit den Sitzungen einer Vorlesung über die Novellenmode im 19. Jahrhundert. Wie anders als mit einer Vorstellung des «Decamerone» des italienischen Dichters Boccaccio steigt man in eine solche Vorlesung ein. Und selbstverständlich ist die besondere Situation der Pest in Florenz aus der Sicht von Boccaccios Vorrede ein Thema. Boccaccio beschreibt, wie die Pest auf eine ohnehin schon brüchige Weltordnung trifft und diese endgültig in Frage stellt: Was der Mensch ist und was er soll, lässt sich nicht mehr allein nach vorgegebenen moralischen Mustern erklären. Die Pest rafft alle hin, Fromme und Sünder, ohne Unterschied. In dieser Sondersituation kann sich die Moral von der Norm emanzipieren. Sie wird in der Erzählgemeinschaft einer kaum als Bild der Selbstisolation tauglichen Gruppe junger Menschen zum Spiel der freizügigen Fiktionen, die alle möglichen Varianten erotischer Beziehungen zulassen. Sie wird freigesetzt und soll sich aus der Erfahrung der menschlichen Natur speisen, um eine Ethik des Zusammenlebens zu entwickeln, die auf den Menschen auch passt.

Heinrich von Kleists Novelle über den sich wiederum in Pestzeiten als Waisenknaben ausgebenden, ‘bigotten’ «Findling», der – unter dem irritierenden Beifall von mindestens zwei Generationen literaturwissenschaftlicher Forschung – seine Stiefmutter vergewaltigt und seinen naiven Stiefvater übertölpelt, schloss sich in der Vorlesung an. Der Pestknabe bricht in die bürgerlich-vernünftige Welt des Kaufmanns unter dem Schutz einer korrupten Kirche ein. Auslieferung der Welt an das absolut Böse. Ich las die ersten Sätze der Novelle aus aktuellem Anlass zu Beginn der Sitzung vor. Die Nähe zwischen den literarischen Schilderungen und dem zügigen Näherrücken der Pandemie, die damals noch nicht so genannt wurde, war nicht mehr zu leugnen. Es war die vorletzte Präsenzvorlesung in diesem Semester.

Die Pest und die Novelle haben eine innige Verbindung, und immer ist die Pest das Signal für die Auflösung der Ordnung. Die Angst zerstört die Bande zwischen Eltern und Kindern und allen Menschen; so wird die Pestkatastrophe in Adalbert Stifters wunderbarer Novelle «Granit» beschrieben.

Die Wirklichkeit verhält sich anders. Die öffentliche Ordnung ist nicht bedroht, nicht in der Schweiz, nicht in Italien, Frankreich oder Deutschland und kaum ernsthaft in China. Gewiss, vor meiner Haustür haben auch vier Teenager ohne jeden Abstand zu Unterrichtszeiten ein frisiertes Töffli gequält. Die leeren Regale ohne Toilettenpapier habe ich auch gesehen und auch den Mann, der an der Kasse trotzig keinen Abstand hielt und nicht ohne expliziten Hinweis auf die allgemeine Hysterie und ohne jede Empathie für die mit ihren eigenen Ängsten an der Kasse sitzende Verkäuferin mit Bargeld zahlte. Über allem aber lag von Beginn an die ruhige Vernunft einer reifen und aufgeklärten Gesellschaft, über Bürgerinnen und Bürgern, die in einmütiger Freiwilligkeit dem gemeinen Wohl vorübergehend eigene Freiheitsrechte opfern und einer leidenden Wirtschaft widerspruchslos umfassende finanzielle Unterstützungen gewähren. Wie viele Gesellschaften in Geschichte und Gegenwart konnten und können mit einem solchen Vertrauen das Vernünftige tun?

Das ist, ich gestehe, hart an der Grenze zu einem patriotischen Pathos des Augenblicks gesprochen. Der Philosoph Ludwig Feuerbach, Gegner jeder bodenlosen Geistigkeit, könnte dem wohl entgegenhalten, dass Vernunft und Aufklärung nie im Abstrakten, sondern nur in der nahen Lebenswelt konkret zu erkennen seien. Es zählen nur die konkreten Bemühungen der Einzelnen. Die Gelegenheit nutzend, danke ich exemplarisch den Mitarbeitenden der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf, die – jede und jeder für sich in ganz speziellen Situationen – ihre Arbeitsplätze zuhause eingerichtet haben, der Krise zum Trotz Gotthelf-Handschriften transkribieren, Editionsbände druckfertig machen und in produktiven digitalen Gesprächen die digitale Edition vorantreiben. Dabei stehen auch wir vor denselben Herausforderungen wie alle anderen, müssen Betreuungsfragen klären, Home Schooling organisieren oder auf den leichten Zugang zu Bibliotheksbeständen verzichten. Aber wir arbeiten – wie die meisten anderen – so gut es eben geht in Forschung und Lehre weiter. Eine vielfach missbrauchte Sentenz aus den Werken von Jeremias Gotthelf hat sich für uns mit ganz neuer Bedeutung gefüllt: «Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterlande.»

Tief berührt mich – wie ebenso meine beiden theologischen Kollegen David Plüss und Martin Sallmann – das Engagement der Studierenden, die der Krise zum Trotz sich intensiv mit den religionsphilosophischen Werken von Schleiermacher und Feuerbach in rein schriftlich geführten Seminarsitzungen in kollaborativen digitalen Dokumenten auseinandersetzen. Immer fühlt man sich in guter Gesellschaft derer, die auch neue digitale Lehrformen ausprobieren, dieselben Vorbehalte und Ängste gegenüber Videoaufzeichnungen eigener Lehre teilen und dennoch viel daran setzen, dass Studierende dieses Semester nicht verlieren.

Perfektion sieht freilich anders aus. Selten war ich für eine Studierendenrückmeldung so dankbar wie für das halbe Lob nach der ersten im Heimstudio aufgenommenen Vorlesungssequenz, man merke, dass ich mir Mühe gäbe. Viele Studierende sind ohne Weiteres bereit, die Lehrenden in der Umstellung auf ganz andere Lehrformen durch kreative Ideen und Engagement für die Sache zu unterstützen.

Keine fundamentale Erschütterung also und dennoch passiert auch jetzt, wofür die Novellendichter die alle Ordnung zerstörende Pest bemühen mussten: Es stellen sich neue Fragen für das menschliche Zusammenleben, die Organisation von Arbeit und Familie. Auch hier sind die unzähligen selbst berufenen Zeitdeutenden zwischen Popularphilosophie und Esoterik mit den abstrakten Fragen und Krisendeutungen längst beschäftigt. Im Home Schooling – ein Ausdruck, den ich zuvor eher nicht benutzt hätte – überraschte mich mein Sohn dieser Tage damit, dass er sehr rasch seine Schulpflichten erledigt hatte. Auf die Frage, wieso er so schnell fertig sei, antwortete er: «Es geht halt schneller, wenn die Lehrerin nicht dazwischen quatscht.» So souverän klingen Schüler und Schülerinnen, die in der Krise Selbstlernfähigkeiten und Selbstverantwortung erlernen. Und hier liegt ein grosses Potenzial der Krise: in der Emanzipation selbstverantwortlichen Lernens, Lehrens und Forschens.

Die Frage, was der Mensch ist und soll, stellt sich in der Krise immer neu – auch für akademische Lebensbereiche. Eigentlich eine Zeit für die Novelle. Schrieb ich schon, dass die Novelle die Textgattung der Verunsicherung und Erprobung von Menschenbildern in ganz konkret ausformulierten fiktionalen Lebenswelten ist?

(Dieser erste Teil der Bertrachtungen wurde aufgrund eines nahen ungeprüften Verdachtsfalls in der Selbstisiolation geschrieben.)

(Erstpublikation: Universität Bern in Zeiten Coronas.)

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "I. Krisenzeit – Novellenzeit," in: LITERATURFORUM.CH, 3. April 2020, https://literaturforum.ch/archiv/38; gesehen am 18. Oktober 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch