Er war ein Poet

Nein, ich meine nicht: in Kontakt bleiben. Also im Kontakt mit der Natur draussen, sondern Durchlässigkeit.

Also zurück: Zurück zu dem Spaziergang. Draussen – jetzt also wirklich draussen in der unbedachten und ungeheizten Aprilluft – kann man es bei einem kaltnassen nieseligen Regen, der teils in weissliche Schneetropfen übergeht, gut spüren: Die Kälte kriecht durch einen hindurch. Die Finger sind klamm. Die Schuhe quatschen durch die Nässe auf dem geteerten Radweg. Quitschend hört man die tapsigen Schritte der vier Hundepfoten daneben, später schon eher platschend, weil sich auch das Hundefell um die rauhen dunkelbraunen Pfotensohlen vollsaugt, wie sich auch mein Körper vollsaugt von all dem Draussen.

Es ist kalt und nass. Der Wetterbericht spricht von einer ungewöhnlichen Polarluft, welche kurz vor der Monatsmitte bis in die Schweiz hinabschweift. Manche sagen heimatlos, weil die Polkappe zu warm werde. Ein heimatlos kalter Wind, aber das ändert nichts, denn die Wahrnehmung ist einfach unmittelbar auf das Jetzt bezogen. Also ganz ohne Erklärung.

Es ist kalt und nass, auch das Gesicht unter der Kappe. Also geht man schneller, und wer schneller geht, denkt auch anders, abgebrochener. Gedanken, zwischen die sich immer das Quitschen und Quatschen von Pfoten und Schuhen drängt. Im Kopf entstehen Texte, aber dann schweift der Blick über die Schönheit einer Kohlmeise mit so klarer, scharf gezogener Zeichnung: weiss, gelb und schwarz. Dort blüht schon ein halber Birnbaum, und hier suchen zwei Buchfinken an der Friedhofshecke nach Essbarem. Die waren nicht da im Winter. Also an meinem Futterhaus.

Durchlässigkeit. Der eigene Körper ein Teil von allem ringsum, Zellenhaufen, prämenschliche Materie. Auch jetzt von nichts getrennt – ausser durch die Illusion des Ich. Also wenn man daran festhält, narzisstisch – denn die erste aller Kränkungen des Ich ist das heimliche Wissen, nicht zu existieren.

Was ist zuerst? Das Gefühl der Durchlässigkeit oder die Erinnerung an Gabriel Celaya? Weckt das Gefühl den Gedanken an Celayas Sätze oder erleichtert die Erinnerung an diese Sätze das Gefühl der Durchlässigkeit? Ich sage ich, aber was ich erlebe, ist Gedanken und Empfindungen ausgeliefert.

Ich fühle mich bei der Lektüre von Celaya noch immer wie der Heranwachsende, der mit naivem Blick in einem fernen Sternenhimmel die Antwort auf letzte Fragen suchte: Wer bin ich? Was ist der Mensch im Verhältnis zu dem da draussen? Die Fragen sind dieselben, nur die Sterne sind nähergerückt, und die Frage, ob es ausser uns dort noch anderes Leben gebe, ist der Frage gewichen, was in dem Wenigen, das ich Ich nenne, eigentlich eigenes Leben sei.

Soy agua en el agua: no algo impermeable y autosuficiente que se mueve en lo que le rodea como en algo exterior.

Wasser bin ich im Wasser: nicht irgendetwas, das undurchlässig wäre oder in sich selbst abgeschlossen, das sich in dem, was es umgibt, bewegen würde, als in einem ihm Äusserlichen.

(Gabriel Celaya, Memorias inmemoriales, S. 66.)

Im April 1991, Santiago de Compostela. Keine Erinnerung an das Wetter. Ein Dichter ist gestorben: 18. April 1991. An diesem Tag, vor 30 Jahren, starb der Dichter Gabriel Celaya. Es stand gross in den Zeitungen. Eine wichtige Stimme. Gestorben. Ich kannte nicht einmal den Namen. Es gab zu viel spanische, galicische, portugiesische Literatur zu entdecken. Ramon del Valle-Inclán, Álvaro Cunqueiro, Rosalía de Castro … und ich lernte ja Spanisch, um – im Hintergrund der Klang einer Jazztrompete – Julio Cortázar im Original lesen zu können, auch Alejo Carpentier oder Borges. Argentinien und Chile, woher meine Spanischlehrer*innen kamen, fühlten sich zu weit an.

Meine Hündin hat sichtlich keine Lust, sich ihr Fell durchnässen zu lassen. Also fordere ich sie auf, ermuntere sie, damit sie nicht nur hinterhertrottet. Sie ist so abhängig in ihren Stimmungen vom Wetter, von der Tageszeit, von der Wärme des eigenen Lagers, von dem Tag vorher und von den Hormonen auch, die sie im Frühjahr manchmal in ein Häufchen Elend, manchmal in ein anlehnungsbedürftiges Wesen und nicht allzu selten auch in eine neugierig nach jedem Rüden schnuppernden Spielball der Triebe macht.

Rund dreieinhalbtausend Seiten umfasst die dreibändige Ausgabe der Poesías completas von Gabriel Celaya in meinem Regal, die von 2001 bis 2003 erschien. Dreieinhalbtausend Seiten von denen kaum einige auf Nachworte, Apparate und ähnliche Beigaben entfallen. Fast sämtliche Seiten bieten die Gedichte. Schwere, dickleibige Leinenbände, deren Besitz mich freut, in denen ich immer wieder blättere, lese, Entdeckungen mache, mein Spanisch übe.

Daneben liegt ein kleines, zerbogenes und zerlesenes Taschenbuch der Edition Cátedra. Angestossen, mit Eselsohren und – nach mehrfacher Lektüre unübersichtlich gewordenen –Anstreichungen. Einzelne Seiten sind vergilbt, weil das Buch irgendwo aufgeschlagen herumlag – vielleicht stand der Teebecher auf der offenen Seite und hinderte das Zuklappen; irgendwo hat die Unvorsicht Flecken einer im Augenschein nicht mehr klassifizierbaren Flüssigkeit hinterlassen. Die Flecken sind mit dunklen Aussenrändern umrahmt, an denen die kriechende Feuchtigkeit zum Halten kam, eine Kartographie zeichnend, wie auf alten Phantasiekarten, hie und da eine terra incognita aussparend.

Die Memorias inmemoriales, erschienen 1990, aber sie sind über mehrere Jahrzehnte entstanden: als Antiautobiographie, als Credo. Mit diesem Buch, schreibt Gabriel Celaya in seinem Vorwort, sei er zufrieden. Es sei das Buch, das er habe schreiben müssen und welches alle seine übrigen in sich einschliesse, zusammenfasse. Ein Essay von 120 Seiten, der schwerer wiegt als die dreieinhalbtausend Seiten der in Leinen gebundenen Gedichte. Ein Büchlein, das – wie man so sagt auf eine einsame Insel mitgenommen zu werden verdiente, um wieder und wieder gelesen zu werden; ein Bändchen, das den Irrglauben an ein irgendwie abgrenzbares, auf Identität, Bewusstein, Geschichte reduzierbares Ich gültig aufzuheben sucht.

Jede Autobiographie ist eine Illusion, und sie zu schreiben, offenbart die Selbsttäuschung der Schreibenden. Je mehr Singuläres, scheinbar Individuelles erschrieben wird, desto mehr verliert die Autobiographie den Kontakt zu den Bedingungen des Lebens.

Lo curioso es que cuanto más auténticos somos, más parecemos a todos, y cuanto más falsos, más superficiales, extravagantes y ‘personales’ resultamos.

Das Bemerkenswerte ist, dass umso authentischer wir sind, wir allen anderen gleichen und umso falscher wir sind, desto oberflächlicher, verschrobener und eigentümlicher erscheinen wir.

(Gabriel Celaya, Memorias inmemoriales, S. 53.)

Aber wir erzählen so gerne Geschichten. Sind Autobiographien mehr als Märchenbücher (fábulas) für Unerwachsene? Könnte nicht das Tagebuch authentischer sein? Doch wer notierte schon in sein Tagebuch: Das kühle, feinperlige Wasser rann durch die spröden Lippen in das Behältnis, welches ich als meinen Körper wahrnehme und identifiziere, und ich fragte mich, in welchem Moment diese Flüssigkeit eigentlich ein Teil meines Körpers geworden sei. Ich spürte es rinnen bis tief in den Bauch. Wieviel des Wassers aus Graubünden, Passugger, war da schon Ich geworden? Wieviel Ich würde es später mit der Flüssigkeit aus mir herausspülen? Und an welchem Punkt ginge das Ich in das Nicht-Ich der notwendigen Absonderung über?

Das ist nur das Trinken: Wo aber ist das Hören? das Blau des Himmels? Drinnen oder Draussen sind völlig unzulängliche Begriffe um nur das Trinken, das Tasten, das Hören, das Sehen zu beschreiben. Und das Denken? Wann denke ich, wann beobachte ich den Strom der Gedanken, der da ist?

Durchlässigkeit.

Mit langer Vorgeschichte. Alles, woraus wir materiell bestehen, ist eine Erinnerung an Zeiten, in denen Menschen noch kein Gedanke der Evolution war. Alles woraus wir materiell bestanden, wird wieder in den Strom eintreten, der kein Bewusstsein hat, selbstgenügsam in seiner Schönheit erstrahlt, von uns auf ewig unverstanden: «Bello es lo bello.» (S. 65)

Schon im Tagebuch beginnt die Illusion, weil wir die Kräfte und Einflüsse nicht kennen, denen wir unterliegen (S. 53). Alles, was wir erleben und denken, kommt von weiter her, wurde von unendlich vielen uns unbekannten Faktoren beeinflusst, macht uns zum Werkzeug, zu einem Zwischenschritt (S. 166), der im Vorbei namenlos wird.

Aber wir erzählen uns Geschichten – in denen das Wichtige ausgeklammert, höchstens punktuell erfasst wird: das Alltägliche, das Gewöhnliche, das allen anderen Gemeinsame, die Einflüsse, die wir nicht kennen. Also vergegenwärtigt man sich immer und immer wieder alles, was nicht Ich ist: das Ererbte, das Geteilte, die von Anderen gelebte und erlittene Geschichte, die von uns als blosse Wiederholung nachgelebten Muster, der Geist der Zeit und des Umfelds, die Lehrstunden und die uns zugefallene Liebe, die vielen zufälligen Einflüsse (S. 179).

Eben die Zufälle. An jenem Tag ging ich über die glatten Pflaster von Santiago de Compostela. Mein Zimmer lag oberhalb des Franziskanerklosters am Rand der Altstadt, durch die zerbrochene und nicht ersetzte Glasscheibe konnte man auf den nahen Hausberg der Stadt blicken. Vielleicht ging ich zum Deutschunterricht mit meiner Lieblingssprachschülerin, einer Philosophielehrerin, die in der Mitte ihres Schullebens endlich Kant im Original lesen wollte. Celaya war gestorben, und ich war neugierig wie ein Schwamm, der Literatur aufsaugt. Die Lektüre dann war nachhaltig; was brauchte es alles, damit sie zustande kam.

Ursachen und Wirkungen – das ist die banale Weisheit der Sitzkissen, der Motor aller Erzählungen. Ursachen und Wirkungen, die kein Buddha erfassen, kein Tolstoj oder Zola erzählen könnte.

Der erste autobiographische Satz nichts als eine senile Narrheit der Selbstbehauptung; unser Verstehen anderer Menschen nichts als eine Schubladisierung in den Ketten narrativer Verfahren, unsere Abneigung gegen andere Menschen kaum mehr als die Überbewertung beliebiger Details. Seit Jahren trinken wir dasselbe Wasser, lesen dieselben Zeitungen, werden von derselben Sonne bestrahlt und einmal werden wir untrennbar durcheinandergemischt unter die Elemente gepflügt… ‘Aber damals hast Du die Tür vor meiner Nase geschlossen, auf ewig verdammtes fremdes Ich…’

Ja, Gabriel Celaya schreibt sich mit seiner Antiautobiographie auch aus der eigenen Biographie heraus. Er verabschiedet sich von jenem Rafael Múgica, als der er am 18. März 1918 geboren wurde. Penetrant fragt ihn ein Interviewer im spanischen Fernsehen nach seiner Herkunft, seiner Familie. Eine übermächtige Mutter nahm ihm die Bücher fort, verbot ihm das Schreiben, isolierte ihn, den kranken Jugendlichen, von seinen Freunden. Es gibt genügend psychologische ‘Momente’ in diesem Leben, die man nehmen könnte, um dies alles zu ‚erklären‘ (wie wir die narrative Verknüpfung willkürlicher Details zu nennen gewohnt sind).

Ich frage mich, wie es sich angefühlt hat, also für ihn, wenn er den blinzelnden Blick gegen den Spiegelglanz der Sonne über das Meer schweifen liess und den salzigen Wind auf der trockenen Haut spürte:

Ante este mar antiguo y luminoso, ¿qué significa ser hombre?

Vor diesem uralten und blendenden Meer: Was bedeutet es da Mensch zu sein?

(Gabriel Celaya, Memorias inmemoriales, S. 65.)

Sind wir dann nur noch amorphe Masse, seelenlos, ununterscheidbar? Aufgehend im Kollektiv? An den Rändern von Celayas Essay doch wieder weitere Fragen. Was er zu sagen hat, lässt sich nicht lehren, nicht erzählen, nicht biografisch herleiten und auch nicht einfach lernen. Es wird erfahren oder bleibt stumm. Seine Sätze können anleiten, es zu erfahren, und auch, es anders zu erfahren.

Bei allem Zweifel am Ich, blieben seinem Essay und den 3500 Seiten seiner Gedichte ein Name zugehörig, ein gewählter Name, der dem Menschen Celaya passend schien. Was war der wohl für einer? Ich will mir ein Bild machen: Ein ganz gewöhnlicher Mann, schnell und mit wenig sonorer Stimme sprechend – im Schwarzweissfilm.

Eine enttäuschende Erscheinung?

Er könnte in jeder Taverne, jedem Café am anderen Tisch sitzen. Aber in seinen Versen liegt eine Ahnung von allem, was Menschsein heisst.

Er war ein Poet.

Er ist schon längst wieder mitten unter uns.

Abschied

Vielleicht – wenn ich einmal sterbe –
wird es heissen: «Ja, er war ein Poet.»
Und die ewig schöne Welt wird strahlen: ohne Bewusstsein.

Vielleicht wirst Du nicht mehr wissen,
wer ich gewesen, aber in Dir klingen
die namenlosen Verse, die ich einst hervorbrachte.

Vielleicht wird nichts übrigbleiben
von mir, nicht ein einziges Wort,
nicht einmal eines der Wörter, die ich an diesem Morgen träume.

Ob sichtbar oder unsichtbar
Ob bemerkt oder unbemerkt:
Ich werde in Eurem Schatten sein, Ihr so schön Lebenden!

Ich werde einfach fortfahren,
Ich werde weiter sterben,
Ich werde – ohne genau zu wissen wie – ein Teil sein im grossen Konzert.

(Gabriel Celaya, Schlussverse aus: Memorias inmemoriales, S. 187f.; Nachdichtung CvZ)

Pues, así es la vida.

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "Er war ein Poet," in: LITERATURFORUM.CH, 17. April 2021, https://literaturforum.ch/archiv/344; gesehen am 17. Mai 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch