VI. Irgendwie schon wieder normal

Betrachtungen eines Literaturwissenschaftlers in der Übergangszeit, Teil 6

Manche sind Pendler*innen, ein paar zu den Eltern gezogen, jemand hat mal kurz die Wohngemeinschaft gewechselt und einer hat überhaupt erst im Team begonnen, als wir schon im Lockdown waren. Das sei für ihn schon gewöhnungsbedürftig, dass er seine Kolleg*innen nur virtuell, digital, also irgendwie flimmernd kennenlerne. Das sagt der, den nur zwei aus dem fünfzehnköpfigen Team in dreidimensionaler Gestalt gesehen haben. Vielleicht werde er in seiner Arbeitszeit im Projekt manche Kolleg*innen überhaupt nur virtuell sehen. Er ist vorübergehend da, als Übersetzer. Auf dem Bildschirm ist er in der Videokonferenz der Forschungsstelle ein Rechteck unter anderen Rechtecken. In der Gitteransicht sind wir alle ein Team aus gleichförmigen Rechtecken. Auch ich. Uns unterscheidet nur die Farbverteilung auf der Fläche, die Helligkeit der Gesichtsausleuchtung, und manchmal ist eine oder einer ganz eingefroren, macht ein aus der Bewegung gegriffenes Gesicht und ruckelt sich dann wieder in eine normal bewegte Ruhe. Einer sitzt im Dunkeln, jemand liest in Papieren, eine schaut zwischendurch aus dem Fenster. Im Hintergrund Bücherregale, Katzenfotos, Kinderzimmereinrichtungen, Fensterdekorationen, ein Poster von einem Stich, auf dem ein grosser Pottwal abgebildet ist, oder eine strahlend weisse Fensteröffnung, die die davor sitzende Gestalt in einen schönen Glanz hüllt, der aber auch nur eine andere Verteilung von Farben und Helligkeit unter den fünfzehn Rechtecken ist.

Alle Mitarbeitenden der Forschungsstelle beschreiben der Reihe nach ihre Erlebnisse im Homeoffice und berichten vom Stand ihrer Arbeiten. Arbeitspläne und Arbeitsergebnisse werden wöchentlich oder häufiger in Teilgruppen diskutiert. Die Fortschritte sind gut – trotz oder wegen dem Homeoffice. Die Gesamtteamsitzung dient vor allem dem Überblick und dem Austausch. Man hört Wohngemeinschaftskollegen, Kindergeschrei, Spatzen und wahrscheinlich meine Hündin, die sich nun laut knurrend im selbstverliebten Spiel rücklings auf dem Teppich hin- und herwirft.

Es ist 16 Uhr, alle haben bereits einen längeren Tag zuhause im Büro hinter sich.

Mein Tag war dicht gefüllt, eigentlich auch erfüllt. Das Seminar über Friedrich Schleiermachers Reden Über die Religion mit den Kollegen P. und S. macht einfach Spass. Man würde das wohl Basar oder Fischmarkt nennen, wenn es ein Präsenzseminar wäre, denn eigentlich reden alle gleichzeitig. Das mag man sich in einem Seminarraum nicht vorstellen. Jetzt aber findet die gesamte Diskussion in einem kollaborativen Textdokument statt. Die Studierenden erarbeiten sich in Kleingruppen die fünfte der Reden, kein einfacher Text, schreiben parallel in das Onlinedokument. Eine so intensive gemeinsame Arbeit, bei der alle Einzelnen sich durchgehend aktiv beteiligen, eigene Gedanken schreiben, Ideen der Anderen kommentieren und auf die Kommentare der Dozierenden reagieren, ist ein Gewinn. Wir sind uns so ziemlich einig, dass diese Form kein Ersatz für eine Präsenzveranstaltung ist, sondern ein Veranstaltungstyp eigenen Werts. Keine Spur von einem verlorenen Semester in diesem Kurs. Es fällt mir schwer, mich zum Seminarschluss aus der Diskussion zu verabschieden, aber es wartet eine zweistündige Editionssitzung.

Die Mittagspause ist kurz und der Hundespaziergang auch. Beim nachbarlichen Hof gleiten die Mehlschwalben in wahnwitzigen Bögen durch die Luft, flach über dem Boden, fast schon knapp an mir vorbei. Etwas weiter über der hochstehenden Wiese sind es die Mauersegler, deren klar gezeichnete, bumeranggleiche Flügellinie dicht über die Halme zischt. Auf dem Rückweg sehen die Mehlschwalben in ihrer Flugakrobatik dann fast schon plump aus im Vergleich. Einen Moment spüre ich die schwere Feuchte der Luft im Gesicht, in den Lungen.

Schon ist die nächste Sitzung vorzubereiten, eine Arbeitsbesprechung für die Gestaltung der digitalen Gotthelf-Edition. Diese bringt wiederum gute zwei Stunden intensiver Arbeit am Bildschirm. Eine Pause vor der grossen Forschungsstellensitzung gibt es nicht. Da ist es aber auch so schön, die Kolleg*innen zu sehen, auch wenn sie nur in Rechtecken aufgereiht auf dem Bildschirm hängen. Jede und jeder erzählt aus dem eigenen Bereich. Die Arbeitsfortschritte lassen sich sehen, alle haben sich mit dem Homeoffice arrangiert, manche sehen Vorteile, andere möchten wieder ein Originalmanuskript im Archiv sehen und nicht nur mit Fotos von Handschriften arbeiten. Am liebsten möchte man alles: Originalmanuskripte, lebendige Kolleg*innen und Homeoffice. Wenn das einmal vorbei ist, werden wir genug Erfahrungen haben, um über all dies neu zu reden: über die Vorteile des Homeoffice, über die Nachteile des Pendelns, über die Bedeutung menschlicher Kontakte zu Kolleg*innen etwa.

Inzwischen haben wir einen digitalen Apéroraum, der zweimal in der Woche am Abend allen zur Verfügung steht, die Geselligkeit suchen. Neulich waren wir drei, die über Melvilles Moby Dick und die Frage, wie die Welt hinterher wohl aussehen werde, diskutierten. Heute sind wir auch drei und fragen uns, wie sich das Leben verändert habe, seither. Wir stellen fest, dass wir ausgangsunlustig geworden sind, und wir fragen uns, ob das Reisen hinterher erst recht Fahrt aufnehmen oder zurückgehen werde. Und wo werden die Kreuzfahrtschiffe verrosten? Oder existieren sie durch Supersparangebote noch eine Weile weiter? Diesen touristischen Gigantismus, sagte neulich P., eine meiner Nachbarinnen vom Hügel, habe sie noch nie gemocht. Der Wahnsinn von Ressorthotels und Kreuzfahrtschiffen sei ohnehin fragwürdig gewesen.

Im virtuellen Apéroraum höre ich vertraute Spatzen; N. steht auf dem Balkon, und es sind Berner Spatzen im Kopfhörer als wären es die Hausspatzen auf meinem Balkon. Bei K. hört man die Sirene eines Notfallwagens. Meine Hündin sucht Nähe. Fast eine kleine Idylle.

Am Abend esse ich dann schnell, telefoniere bei einem Glas Wein mit einer guten Freundin über Erfahrungen in der digitalen Lehre – und auch über unsere drei gemeinsamen Kinder. Die Studierenden loben die Novellenvorlesung, die dennoch nach neuem Modell recht mässig evaluiert wird. Im Lockdown steigt die Empfindlichkeit; die Evaluation beschäftigt mich sehr. Unterstützung kommt von den Studierenden; sie sind es ja, für die ich meine Lehre mache. Ich hadere damit, ob ich unsere Kritik am neuen Evaluationsverfahren für mich behalten soll. Vielleicht würde sie helfen, die Evaluation zu verbessern. Zweifel und Scham sind ein willkommenes Futter für einen im Lockdown empfindlich grüblerischen Geist. Es ist leicht, abzudriften in dieser Zeit.

Überall zieht es Protestierende auf die Strasse. Ich suche nach einem Instrument, um berechtigte Kritik von diesen Unruhen unterscheiden zu können. Bekannte Rechtsradikale, die angeblich für Bürgerrechte eintreten, radikale Impfgegner, allzu phantasievolle Bill Gates-Kritiker, anscheinend für jede Verschwörungstheorie brauchbare Anthroposophen, nationalökologische Populisten … Sie alle scheinen sich dort zusammenzufinden, aber die Bilder in der Presse sehen zu sehr nach Übertreibung aus. Man müsste näher dran sein, um es zu beurteilen. Es sind trotz allem Wenige, vielleicht, so hoffe ich, bloss Verirrte und kein neues Amalgam. Da im öffentlichen Raum sonst nicht viel geschieht, rankt die Phantasie auch um die Wenigen ihre Bilder.

Nicht alles spielt sich bloss in der Presse ab. Ich denke an den deutschen Kollegen, der in den sozialen Medien an das Widerstandsrecht erinnerte, weil er nicht Tennis spielen durfte. Das hat mich tagelang beschäftigt.

«Andererseits», so schreibt R. in einer Mail, habe die Figur des Corona-Streikbrechers oder der Corona-Streikbrecherin literarisch durchaus etwas für sich, jedenfalls in der Fiktion. R. ist ein phantasievoller Wortkünstler. Ich stelle mir also eine Art Schelmenroman vor, einen Lazarus oder besser noch einen Schelmuffsky, der durch die Welt stolpert, keine Hygieneregeln beachtet, also keine Hände wäscht, jedweden Körperkontakt sucht, ein solches Aufsehen erregt, dass es zu Massenaufläufen kommt, als sei es Gurten-Festival-Zeit, der natürlich erkrankt, Manns- und Weibspersonen verküsst und verhustet. Im Grunde ist er ein armer Tropf, der eine Welt ohne menschliche Nähe nicht erträgt. Und wer ertrüge sie schon.

Die Welt taucht inzwischen ein in eine eigene Mischung von davor, dazwischen und danach. Der Takt der Nahverkehrszüge steigt, die Reisendenzahlen ebenfalls. Am Bahnübergang stauen sich wieder die Radfahrer*innen auf dem Weg zum Bahnhof, wenn die Schranke geschlossen ist. Wer möchte noch an all die warnenden Reden denken, die gegen die Lockdownmassnahmen vorgebracht worden sind? Selbst die häusliche Gewalt soll in der Schweiz nicht zugenommen haben. Nur wenige würden darauf wetten, wie es weitergeht. Und diejenigen, die genau zu wissen angeben, wann die zweite Welle kommen werde oder dass es nicht einmal eine erste Welle gegeben hätte – auch ohne Massnahmen –, dürfen in den Kommentarrubriken heute unbelauscht streiten.

Aber von sich selbst schreiben, das ginge ja immer. Ich setze mich hin und schreibe über einen irgendwie schon wieder normalen Tag.

Ein Hausrotschwanz, der unverhofft vor meinem Fenster im Strauch sitzt, weckt traurige Erinnerungen, die ich für jetzt beiseiteschiebe.

(Erstpublikation: Universität Bern in Zeiten Coronas.)

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "VI. Irgendwie schon wieder normal," in: LITERATURFORUM.CH, 19. Mai 2020, https://literaturforum.ch/archiv/58; gesehen am 17. Mai 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch