VII. Ein stilles Buch

Betrachtungen eines Literaturwissenschaftlers in der Übergangszeit, Teil 7

Als Erstes verschwindet die Stille, so denkt man. Noch bevor sich das Leben wieder in eine fallengelassene Zeitnaht einfädelt und einem fremd gewordenen Stich folgen möchte, öffnen und schliessen sich die Reissverschlüsse des Strassenverkehrs, der wieder an Ampeln stockt, an Kreiseln kreist, an Fussgängerüberwegen erbost und eher nicht die Fahrt verlangsamt, um bitte noch vor dem dort stehenden Radfahrer mit seinem angeleinten Hund irgendwohin durchzukommen. Dieser, der Radfahrer also, war freilich zu sehr in Gedanken, um den Lärm zu hören, und so ist es der Atem, der ihm zuerst abhandenkommt, nicht die Ruhe. Denn es stinkt. Es stinkt erbärmlich nach Feierabend. In einem breiten Streifen neben der Verkehrsader, welche hier die Kleinstadt durchschneidet wie andernorts Felder, Wiesen, Waldstücke, ist Atmen wieder ein Euphemismus. Man kennt das ein wenig vom Heimkehren aus verlassenen Gegenden, wenn man in die Stadt zurückkommt. Aber das ist ein eigenes Erlebnis, wenn die Welt nach dem Lockdown wieder in den eigenen Gestank eintaucht. Also nicht die Welt, sondern wir, wir in unseren eigenen Gestank.

Das war am Montag im Feierabendverkehr derjenigen, die wieder einen Feierabend haben. Für mich war es die Zeit zwischen editorischen Fragen zu Gotthelfs Roman «Uli der Knecht» und einem Vortrag in Wien, also einem digital aus Wien übertragenen Vortrag über den Autisten als Figur der Gegenwart, den ich sonst nicht hätte hören können. Selbst wenn der Vortrag in Bern stattgefunden hätte, hätte ich irgendwie organisieren müssen, wie meine Hündin zu ihrem Spaziergang kommt. Ich hätte irgendwo schnell ein Sandwich verdrückt, das ich nicht vertragen hätte. Ich hätte nicht in meinem Ohrensessel gesessen, sondern eingezwängt in irgendeine dreh-, drück- oder schiebbare Bankbestuhlung. Vielleicht wäre ich auch nicht rechtzeitig dort gewesen, hätte irgendwo hinten in einem Hörsaal gesessen und zwischen Räuspern und Hüsteln den Vortrag nur so gerade eben verstehen können. Aber ja: Ich hätte Kolleg*innen getroffen, hätte davor und danach diskutiert, geplaudert, rasche Informationen ausgetauscht.

Nun sass ich in der ersten Reihe, bequem im Sessel, eines dieser Rechtecke auf dem Bildschirm unter vielleicht 75 anderen, die sich auf mehrere Kachelseiten verteilten. Unter den Rechtecken Kolleg*innen, die ich vor etlichen Jahren zuletzt auf Konferenzen sah. Viele sind mir unbekannt. Der Vortrag ist interessant; die Sprecher*innenansicht bringt mir die Referentin Novina Göhlsdorf mit ihrer Präsentation ins Wohnzimmer. Um die Augen vom Flimmern zu beruhigen, schaue ich zumeist in die Landschaft. Dort hinten ist die Wiese jetzt gemäht, also die Pusteblumenwiese, eine helle gelbgrüne Fläche. Nach dem souverän gehaltenen Vortrag entwickelt sich eine interessante Diskussion, die ich schliesslich verlasse, um noch ein paar Schreibtischdinge zu erledigen und Mails zu beantworten.

Am Donnerstag notierte ich eine Liste der Vögel, die ich dieses Jahr in meinem Garten gesehen habe: Spatz, Blaumeise, Amsel, Drossel, Mönchsgrasmücke, Elster, Saatkrähe, Kleiber. Eine einzelne Saatkrähe kommt seit einigen Tagen vorbei, hüpft im Beerengarten von Holzpfahl zu Holzpfahl und schaut sich neugierig um, bevor sie mit breiten Schwingen jeweils tief über die Wiese davonzieht. Einmal landete sie in der Weide, einige Male spähte sie von den Metallpfeilern der Bahnoberleitungen auf das Grundstück. Mauersegler ziehen nur ab und an durch den Himmel, verweilen hier nicht. Ebenso in ihrer eigenen Flugweise die Türkentauben.

Den Hausrotschwanz erwähnte ich schon, der mich an Jürgen Donien erinnert, weil ich ihn zuerst bewusst hörte, nachdem er gestorben war. In meinem Kopf ergänze ich die Liste der Vögel mit den Namen verstorbener Kolleg*innen. Nadja, die sich als Puschkin auf der Bühne des Studententheaters theatralisch die Pistole an die Schläfe setzte und an einer Lungenentzündung starb, 28jährig. Jürgen Donien, der bei unserem letzten Treffen so herzhaft gelacht hatte und dann seinem Krebs erlag. Matthias Osthof, der am Herzpuls des Gotthelf-Teams lebte und eines morgens einfach nicht mehr aufwachte. Julia Wannenmacher, die es freuen würde, in einer Reihe mit den Vögeln in meinem Garten genannt zu werden, und so lange krank war, dass ich dachte, ich würde es merken, es aber nicht spürte, als sie starb – im vergangenen Oktober.

Allmählich will die Zeit wieder in jenen anderen Takt zurück, der nicht von Löwenzahn und Pusteblumen oder vom Heuen bestimmt ist. Natürlich klingt das weltflüchtig. Wir wissen doch, dass die Konservativen, die Landflüchtigen und Ökofreaks die sind mit der kreisenden Zeit im Kalender und alle die Progressiven, Liberalen auf der dynamischen Welle des Fortschritts in die Zukunft surfen. Jetzt aber sind (und eigentlich schon waren) wir einfach hinausgeworfen aus der Dynamik, gezwungen hinzuschauen. Wer Glück hat, kann noch die Anderszeit spüren.

In meine Hand gerät ein stilles, leichtes Buch, das die Autorin selbst so genannt hat. «Frau Agathens Sommerhaus. Eine stille Geschichte.« Eine Berner Autorin und Germanistin, Lilli Haller, schrieb es so etwa 1929/30. Noch im Trauerkleid kommt die Übersetzerin Agathe nach dem Tod ihres Vaters, bei dem sie nach einer frühen, gescheiterten Ehe wieder gelebt hat, in das Haus des abwesenden Freundes Robert, eingeladen, dort den Sommer zu verleben. Der Sommer bringt einen prachtvollen Garten und zwischendurch Kindergäste, die aber, wie es ausdrücklich heisst, die Ruhe Agathes mit sich selbst nicht stören. Am Ende des kurzen Romans wird Robert erscheinen. Die lange Freundschaft wird aber nicht in eine Beziehung münden. Agathe reist in der erneuten Abwesenheit des Freundes reiflich entschlossen fort, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

Der Roman lässt sich in mancher Hinsicht schnell erschlagen: Es passiert eigentlich nichts, man wäre gerne näher bei der Übersetzerin, damit deutlicher markiert wäre, dass sie nicht allein arbeitet, weil sie keinen abgekriegt hat, und in der Komposition stört ein allzu patriotisches Kapitel zur Bundesfeier, das keine Funktion im Text hat und wie ungeschickt okuliert wirkt. Trotzdem habe ich die 200 Seiten nahezu in einem Zug gelesen, weil die Autorin auf eine stille Weise immerzu in den Garten des Sommerhauses schaut und zum Mitakteur der Geschichte macht.

Das ist die Grammatik der Sommergeschichte: Aus einem irgendwie hektischen, gedrängten, zerstörten Alltag führt sie ihre Figuren in eine andere Zeit, die nach dem Kalender des Sommers und nach dessen Rhythmus verläuft, und irgendwann wirft sie ihre Figuren wieder aus. Dazwischen ruht die sanfte Melancholie des Sommers, die Raum schafft für eine Fülle der genau angeschauten Blumen, für die Hinwendung zu Anderen, den beiden Zufallskindern, und für den stillen Abschied Agathes von einer neuen Liebe.

Der Lockdown ist keine Sommergeschichte. Er ist überhaupt keine Geschichte, auch wenn an seiner Narration schon eifrig gestrickt wird – auf der Strasse wie in den Feuilletons. Der Lockdown ist aber manchmal wie ein stilles Buch gewesen, also wenn man es geschafft hat, sich einfach dem Schauen hinzugeben: Wie ist das eigentlich im Homeoffice? Wie verändert es mein Leben, wenn ich Zeiten, die ich sonst in Pausen, Mensen, Pendelstrecken verbringe, in der Ruhe eines Gartens ausbreiten darf? Welche Unruhe steigt auf, wenn ich von diesen oder jenen Tätigkeiten, Leidenschaften, Gewohnheiten abgeschnitten bin? Halte ich das überhaupt aus?

Am Freitag begannen die Solothurner Literaturtage ebenfalls digital mit einem Gespräch zwischen der Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die ganz erfüllt ist von der Dynamik, dem Druck (und der Macht?) der Entscheidungen der letzten Wochen, und der Autorin Simone Lappert. Gegenseitiges Interesse ist spürbar. Lappert beschwört die Kultur als Begegnungsraum, möchte vielen Leuten in gemeinsamen Räumen wieder begegnen. Mir reicht gerade mein Garten, die Begegnung mit den Spatzen und der weite Raum, der sich noch nicht ganz wieder geschlossen hat.

Später höre ich ein Gespräch mit Peter Bichsel, der auf die Frage nach dem geeigneten Thema für eine Kolumne antwortet: «wenn möglich etwas ganz Gewöhnliches.» Ein Kollege sagt über meinen Blog, man müsse es jetzt direkt aufschreiben, was man erlebe. Später werde alles zerredet.

Am Ende des Lockdowns muss ich mich immer wieder zwingen, den Faden zu verlieren.

(Erstpublikation: Universität Bern in Zeiten Coronas.)

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "VII. Ein stilles Buch," in: LITERATURFORUM.CH, 25. Mai 2020, https://literaturforum.ch/archiv/60; gesehen am 18. Oktober 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch