Im Spital oder Ökologie des Ich-Gefühls

Wenn es um direkte Erfahrung gehen soll, dann muss ja auch dies beschrieben werden: Spitaleintritt, Spitalaufenthalt, Spitalaustritt. Ein eigener Erlebnisraum ist damit umschrieben wie jener des Lockdown etwa oder einfach das Sitzen im Garten am kleinen Wassertrog mit dem Solarplätscherer: ein eigener Sehraum und eine Soundscape eigener Art.

Die Operation ist in der Hierarchie der Spitalereignisse fraglos von besonderer Bedeutung: aus Sicht der Medizin ebenso wie in der Dramaturgie der körperlichen Änderungen. Für das eigene Erleben ist sie mehr eine Transitionsphase in die Spitalwelt. Nicht nur weil man vielleicht schläft. Gewiss: Wenn da einer vor türkisgrünem Hintergrund mit dem jodbeschmierten Bein in der Luft hantiert, welches gefühlt noch auf dem OP-Tisch liegen müsste, kann das schon eindrücklich sein. Unwillkürlich muss ich die Augen verdreht haben. Jedenfalls wendet sich eine freundliche Stimme an mich, und das Angebot, die Operation zu verschlafen, nehme ich dann gerne entgegen.

Der Schlaf ist auch im Märchen – ähnlich dem Orientierungsverlust im Wald – ein typischer Transitionsmoment.

Die verschlafene OP also als Transition. Man fährt anders heraus, als man hineinfuhr und betritt eine Welt eigenen Gesetzes. Naja, eigentlich wird man da so reingeschoben. (Ja, es muss man heissen; ich wäre in dieser Verfassung naiv, und schon die Abschwächung mein Körper scheint mir in Erinnerung an das zugleich fremde wie vertraute Bein im OP-Saal keinen Bezug zum Erleben zu haben.)

Spitalwelt.

Klangliche Veränderungen: Piepsende Aparaturen, anstossende Rollwagen flurauf und flurab, Schwesternklopfen, Türwischen über den Linolboden, Schalterknipsen, Schwesternstimmen fern oder nah. Eine gewisse Klangfarbe aller Geräusche. Ärzte erkennt man am Klopfen. Besucher*innen auch. Obwohl das Fenster geöffnet ist, hört man hier keine Vögel. Ab und an mal eine Krähe. Trotz Dachbegrünung gegenüber. Kinder von der nahen Schule. Nachts ruft jemand gleichbleibend monoton wohl ein-, zweidutzendmal «Haaallo. – Bist Du da?»

Die Kirchglocken sind hier zu hören, wie daheim. Die Baustelle am Nebenbahnhof ist nachts in Betrieb. Ein Niederflurnahverkehrszug ist zu hören. Der Name ist nicht wichtig, aber das charakteristische Geräusch: ein Zischen oder Schleifen wie ein sauber durchs Holz gezogener Hobel auf der Bank. Dazu ein ganz leichtes Rumpeln. Erkennt man sofort. Früher haben wir Automodelle nach Motorengeräuschen erraten. VW-Käfer war immer der einfachste. Den kannten alle, also auch ich. Keine Ahnung, ob das überhaupt noch möglich wäre.

Das Spitalerleben lenkt die Aufmerksamkeit auf Körperliches: auf Schmerzen im Knie, wenn es ums Knie geht. Es geht ums Knie, und darum geht auch eigentlich nichts, sondern wird mobilisiert. Spannungsgefühle von Schwellungen, Lagerungsschmerzen, Dehnschmerzen, wohl auch blaue Flecken. So eine Operation ist eben auch eine kontrollierte körperliche Gewalttat. Es braucht mehr als ein Einverständnis dazu. Klar hat man dann Schmerzen hinterher.

Körperliches also: Schmerzen unterschiedlicher Art, Schwindel, der einfach Schwindel ist, dumpfe Übelkeit, diverse Darmempfindungen, weil ‘dort’ eh alles durcheinander ist. Körperliches aber auch: Die anderen Körperempfindungen in einem Spitalbett, von der Matraze, von den unterschiedlich einstellbaren Kopfteilhöhen. Oder momentane Empfindungen: Spritzen, Blutentnahmen, helfende Berührungen.

Eine andere Welt setzt sich immer zusammen aus definierbaren anderen visuellen, olfaktorischen Phänomenen, einer anderen Soundscape und aus anderen Körperempfindungen. Ist alles sonst nicht nur psychische Projektion, Erzählung über Fremdheit, deren sich selbst unbewusster auktorialer Erzähler die eigene Angst ist?

Erstaunlich ist die Veränderung, die sich mit dem Selbst vollzieht. Gerüche, Körperempfindungen, sämtliche Wahrnehmungen setzen einen Prozess in Gang, der Alles neu organisiert und auch die ganz eigene Biografie umschreibt. Ständig wird man nach seinem Namen gefragt, aber die Geschichte, die sich mit diesem verbindet, ist die Geschichte eines Knies vielleicht. Schon früh war das Knie ein Problem, ungefähr seit 40 Jahren, operiert in Lübeck (zweimal) und in Heidelberg. Die sonst so wichtige Erwähnung von Lebenspartner*innen, Ausbildungsstationen, Auszeichungen und Anerkennungen wären im Spital jedenfalls fehl am Platz. Auch aufkommende Erinnerungen, wesentliche Konstituenten des Selbstgefühls, sind etwa Spitalerinnerungen – eigene und fremde – oder an Spitalerlebnisse irgendwie anknüpfbar. Das Umstricken der eigenen Identität setzt früh ein. Darum braucht es auch Zeit, wenn man sich dann draussen wieder zurechtfinden will. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss, heisst es.

Umstricken: es wird etwas aufgerebbelt, nicht einfach zurückgestrickt, um den Faden neu zu verwenden. Es ist also auch möglich an etwas anzuschliessen. Es sind viele Fäden schon da für das neue Gewebe. Das hat es ja schon gegeben: das Schrottknie und die Spitalerinnerungen. Nur das Spitalessen am Donnerstag war ohne jedes Vorbild. Es war unerlebt geschmacksfrei. Unerlebt heisst vor allem: Es setzte keine Erinnerungen frei, nicht an Spitalessen, nicht an Mensaessen, nicht einmal generell an frustrierende Esserlebnisse. Gut, das ist ja dann auch schön.

Es gibt also Fäden, die aufgenommen werden können.

Mit diesen Fäden verhält es sich nach meiner Erfahrung so: Als ich einmal eine Darminfektion hatte und mir sehr schlecht war, hatte ich einen Roman von Witold Gombrovicz zur Hand, der sich leicht weglas und gerade so spannend war, dass er mich von der Übelkeit einigermassen ablenkte (Die Bessessenen, erschienen bei Hanser 1989). Trotzdem musste ich ihn ab und an zur Seite legen, weil mir die Übelkeit die Lektüre verübelte oder weil ich schlichtweg dringenderen krankheitsbedingten Tätigkeiten nachzugehen hatte. Seither, das heisst seit drei Jahrzehnten, löst das Buch in mir Gefühle von Übelkeit aus, und wenn ich krank bin, greife ich gelegentlich nach diesem Buch, um es erneut zu lesen, lege es dann aber fort, weil es das Gefühl der Übelkeit zu steigern vermag. (Da es in dem Buch auch um Tennis geht, nehme ich an, dass die Gefühle von Übelkeit beim Ansehen von Tennisspielen auch mit diesem Umstand verbunden sein könnten. Aber das ist nur so eine Idee.) Achja, Fäden, dass ich jetzt gerade an dieses Beispiel denke, mag mit dem durch den Schmerzmittelcocktail verursachten Unwohlseinsgefühlen zu tun haben.

Noch häufiger aber verzichte ich bei Krankheiten auf die Lektüre, verlege mich aufs Hören. Ein zur Routine gewordenes Ausweichmannöver.

Also nicht Lektüren, sondern Hörerlebnisse. Weiss man heute noch, dass das Hörspiel nach dem zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte ein wichtiger Kulturträger in der Bundesrepublik war? Das Hörspiel, sicher nicht das Hörbuch. Gut, weiss man vielleicht. Das alle grossen deutschen Rundfunkabteilungen ihre Hörspielproduktionen pflegten? Gut, weiss man vielleicht auch. Aber heute? Das Hörspiel – vielfach eher die Audioperformance – existiert. Frech, manchmal kalauernd, Soundcape-Kompositionen mit Sprachfragmenten, nicht selten avantgardistisch. Zur Soundcape des Spitals gehören dann also ebenso wie etwa die Lebensgeräusche wechselnder Zimmernachbarn auch Hörspiele aus den Archiven des Deutschlandfunks auf meinem Kopfhörer.

Was hörte ich? Zum Beispiel

  • Mädchenliegestütze von Sarah Kilter (Sendung vom 5.12.2019) über Schreibhemmungen einer Jungautorin,

  • Leopoldpark von Lucas Derycke und Wederick De Becker (08.08.2019) über die Idee von einemn belgischen Kolonialismuslehrpark im Kongo, in welchem Mann und vor allem Frau Belgierin selbst die Peitsche in die Hand nehmen dürfen, um Kolonialismus sozusagen von Innen zu erleben,

  • einen veritablen Science Fiction, in den die Tonspur einer Bruce Willis-Synchronisation hineingeschnitten ist (Blowback – Der Auftrag von Marcus Gammel, gesendet am 19.01.2015),

  • Beziehung, Beziehungsende, tieferes Verstehen von Hella und Elena in Elena Ziesers Helena (02.04.2020) sowie

  • Kurzstücke aus der Sendung Kurzstrecke 83 (25.02.2019) und 88 (25.07.2019) unter anderem mit Rando Trosts urwitzigem Rollenmonolog eines Eierhofbauern, Hühner und überhaupt, und John Sautters Das Haus, einer hektischen Gedankenrede über das Elend des Einfamilienhauses und die drohende Dezivilisierung an BBQ-Abenden.

In all diesen Hörspielen entwicklen sich Texte in tiefen, strukturierten, formreichen Klangräumen, in charakteristischen Soundscapes. Fernsehen erscheint mir dagegen akustisch flach. Gelesene Literatur trägt immer den fremden, irgendwie anarchischen Umgebungsklang mit sich; nur bei hoher Konzentration ist es möglich beim Lesen den Sound der Stimme zu erfassen, auch in den Beschreibungen fehlt fast immer eine dem Erzählten adäquate Tonspur (im Gegensatz zum Bild). Ob Kino eine solche klangliche Tiefenstruktrur erreicht, erscheint mir jetzt auch gerade fraglich.

Die Biographie des Schrottknies und der Spitalaufenthalte bietet auch Raum für ein sonst kaum verfolgtes Interesse an Audioperformances.

Das Spital ist eine Heterotopie. Heterotopien basieren auf einer Neuheit oder Andersheit der Phänomene, der Sinneseindrücke. Dadurch schaffen sie eine veränderte Ökologie, in der sich das Erleben und Erinnern neu orientiert und organisiert. Auch das eigene Selbst und Selbstverständnis organisieren sich neu. Die Heterotopie schliesst die Anerkenntnis ein, dass Alles auch anders zusammengesetzt sein könnte, dass vielleicht Alles anders sein könnte, bis auf die feine Membran, welche das veränderte und veränderne Aussen vom wechselnden Innen abtrennt. Begriffe wie Selbst, Subjekt, Identität oder Vorstellungen von Kohärenz und Biographie erscheinen daneben als naiv, als schlechte Hilfskonstruktionen. Immerhin bietet die Membran einen gewissen Widerstand: Veränderungen der Ernährung und Würzfarbe der Speisen rufen ganz schlicht körperliche Reaktionen hervor. Ebenso Veränderungen im Schlaf-, Wachrhythmus. Und doch reicht ja die Membran nicht zur Beschreibung dieses sich irritierend häufig als Ich fühlenden einstweilen Bezeichnungslosen aus. Man geht mit einer Haltung ins Spital. Vielleicht mit Demut oder auch mit selbstbestimmten Grenzen der Demut, also gibt es eine Ethik, und man bringt eine Aufmerksamkeit mit – und all die Erfahrungen, an die man sich erinnern kann und an die man sich nun erinnert, weil dieses selektive Erinnern durch irgendetwas eben getriggert wird. Und eine bestimmte Aufmerksamkeit: zumindest muss man hören können, um das Hintergrundrauschen des Regens, der nun eingesetzt hat, neben den Geräuschen der Tastatur und den Gedanken zu hören. Dieses Rauschen, dass sich aus unzähligen einzelnen Tropfen zusammensetzt, von denen man einzelne heraushört, aber auch aus den Platschern in anschwellenden Pfützen und dem Fliessen erster kleiner Regenwasserströme… Membran, Ethik, Erfahrungen und Aufmerksamkeit. Die Gedanken schon nicht; die gehören nicht uns, sondern dem Regen, dem leichten Hintergrundgeräusch der Stimmen der Pflegerinnen auf dem Flur.

Das sind dann ja auch so Spitalgedanken, die die Erfahrung der eigenen zugleich festen und unfesten Identität verarbeiten.

Morgen also Spitalaustritt. In dieser Konstellation ist es spannend, wie ein verlorenes Schrottknie, ein neues Kniegelenk und zwei Gehhilfen sich auf das Selbstgefühl in den sogenannten eigenen vier Wänden auswirken werden.

Nachtrag

Erste Erfahrung zuhause: eine gewisse, aushaltbare Hilflosigkeit, die Veränderung der Perspektive auf den Raum (vornehmlich aus dem Liegen), die Begeisterung für eine neue Lektüre: Reto Hännys Sturz (Berlin 2020), ein Buch das klingt.

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "Im Spital oder Ökologie des Ich-Gefühls," in: LITERATURFORUM.CH, 2. September 2020, https://literaturforum.ch/archiv/202; gesehen am 17. Mai 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch