„Sag mir, wo Du stehst!»

Manchmal sind ja die Ereignisse um einen herum so, dass man verstummen möchte. Oder gar nicht einmal die Ereignisse, sondern der Lärm, der um sie veranstaltet wird. Die Herausforderung ist auch bedeutend, wenn einen nicht das muntere Gezwitscher der Spatzen für Momente in die unmittelbare Erfahrung der Soundscape des Gartens zieht, sondern den unruhigen Geist an Regentagen die zu viel rezipierten Kommentargefechte unter Onlineartikeln der Zeitungen beschäftigen. Was macht das eigentlich mit mir?

Immerhin sind die Regentage schon wieder vorbei, und bei steigender Arbeitsflut ist wenigstens durch die Fenster ein strahlend blauer Himmel zu sehen. Erste Bäume stehen fast kahl, andere leuchten noch feuerfarben hinter saftig grünen Wiesen. Auf dem Acker am sanft ansteigenden Hang vor dem Wäldchen sucht ein Halbhundert schwarzer Krähen nach Futterschätzen. Gegenüber auf der Wiese ballt sich eine ebenso schwarze Rinderherde. Die Spaziergänge sind wieder ausgedehnter.

Dennoch mischt sich in die Grundstimmung das anhaltende Entsetzen über die Kommentarkultur auf Social Media-Kanälen. Es ist unüberhörbar: Ein zumindest lauter Teil der dort Schreibenden fühlt sich in den öffentlichen Diskussionen um den richtigen Weg durch die Pandemie nicht gehört.

Drei verlorene Gestalten vor dem Coop. Eine Frau, deren abweisende Gesichtszüge nicht zur Diskussion einladen, steht unter einem Regenschirm, an dessen Drahtenden in winzigen Lettern bedruckte, folienbeschichtete Zettel hängen. Die Texte sind zu klein, als dass sie zu Information und Diskussion einladen würden. Überzeugte Maskenträger*innen müssten sich nahezu auf die Füsse der Beschirmten stellen, um die Texte überhaupt lesen zu können. Etwas weiter gestikuliert einer, der so aussieht als wolle er das Stereotyp des sich indianisch gebenden Cowboys verkörpern, im Gespräch mit zwei jungen Frauen. Ob er die Unterschriften auf seiner Protestnote gegen die angebliche Selbstermächtigung des Bundesrates schliesslich noch erhalten hat, weiss ich nicht. Ein Dritter versucht, mich in ein Gespräch zu ziehen. Angesichts steigender Fallzahlen sehen die drei aus wie ein lebendes Emblem unter der Überschrift „Anachronismus“. Denke ich, spüre einen unangenehmen Drang zu Polemik und wende mich ab.

Meine Haltung ist klar: Die Massnahmen des Bundesrates im Frühjahr von den Beschränkungen bis zur zügigen Lockerung, die im Rückblick vielleicht einmal als Fehler gewertet werden wird, sind politisch und menschlich nachvollziehbare Entscheidungen in einem Abwägungsprozess zwischen weitgehender Unbekanntheit der Situation, dem Schutz des Lebens und den wirtschaftlichen Konsequenzen. Wer es damals allen Ernstes schon besser gewusst hätte, werfe den ersten Stein.

Gleichzeitig leben demokratische Gesellschaften von der intensiv geführten Diskussion um richtige Wegentscheidungen, und wenn es sich nicht mehr um eine unmittelbare Krisensituation mit gänzlich unbekannten Grössen handelt, dann kann, soll und muss über die Massnahmen eine parlamentarische und öffentliche Debatte geführt werden können. Sie zu fordern, ist Teil unseres politischen Diskurses.

(Während ich dies schreibe, wünsche ich mir die einfache Akzeptanz der Situation zurück, die im Frühjahr möglich war: Spatzen oder Freddy, den Frosch, beobachtend. Das Leben ist nun in den Kopf gestiegen und fordert ein, nicht einfach die Augen und Ohren zu verschliessen. Wie aber hört man Menschen zu, welche polemisch die Polarisierung suchen?)

Reto Brennwald, vormals Arena-Moderator im Schweizer Fernsehen, hat sich, so interpretiere ich es, die Aufgabe gesetzt, jenen ein Sprachrohr zu bieten, die sich in der öffentlichen Dskussion nicht sachlich Gehör zu verschaffen vermögen. Auf seinem Youtube-Kanal unterhält er sich mit dem coronaskeptischen Daniel Stricker, Brennwaldhttps://www.youtube.com/watch?v=RyZGkdeQ6CY der auf seinem Kanal auch schon den Bundesrat ins Gefängnis werfen wollte. Was auch immer Brennwald selbst für eine Meinung vertritt: Dieses Interview ist die ebenso doppelbödige wie kunstvolle Dekonstruktion eines Wutbürgers. Doppelbödig ist das Interview, weil Brennwald einerseits sehr sachlich die Behauptungen mit Fakten aus dem Weg räumt, andererseits einem Menschen, der immer wieder in wütende Erregung abzugleiten droht, so viel Vernunft abringt, dass man ihm tatsächlich zuhören kann. Das Werk eines Hexenmeisters.

Das Thema bringt es mit sich, dass es in den Kommentaren unter dem Video munter wutbürgert. Brennwald teilt das Los mit allen Gemässigten: Die Kommentare sind ein Spiessrutenlauf, in dem Brennwald Unbildung, Unfähigkeit, Einseitigkeit und Medienhörigkeit vorgeworfen wird. Oder es heisst einfach: »De Brennwald isch ächt en nervige Typ….« Das Lob für den Youtuber Stricker ist dagegen gross: »chapeau daniel stricker, top mann, gehört in den bundesrat«. Ich durchschaue nicht, wen all jene, die dort von Gefängnis reden, gerne hinter Gittern sehen wollen, werde aber den Verdacht nicht los, dass der eine oder der andere (ja, Wutbürger sind mit Ausnahmen männlich) dabei auch auf Brennwald zielt.

Daniel Stricker hat das Interview auf seinem Kanal ebenfalls publiziert.Strickerhttps://www.youtube.com/watch?v=7XBQzQUi2wE Er ringt sich vor laufender Kamera ab, vor dem Interview keinen Kommentar abzugeben. Kaum ist das Interview vorbei, spricht er schon von »Gesundheitsfaschismus«. Armer Brennwald.

Ja, auch den Film »Unerhört« habe ich gesehen.Uhttps://vimeo.com/47195976 Das heisst, zunächst habe ich ihn nicht gesehen. Angeschaut habe ich mir vielmehr die Diskussion nach der Filmpräsentation in der Samsung-Halle in Dübendorf, die noch vor dem Film online verfügbar war: eine Podiumsdiskussion, die Brennwald in geübter Souveränität mit geladenen Gästen führte, unter denen Daniel Koch die meiste Redezeit erhielt, der in ruhiger Sachlichkeit reagierte, während auf den Zuschauerplätzen der im Video akustisch abgedimmte Volkszorn mit Buhrufen (und sicher auch Gefängnisdrohungen) erscholl. Brennwald als Hexenmeister, der den Zorn einiger Schreihälse immer wieder zähmt, verfehlt freilich das Ziel eines Corona-Dialogs, wenn Wutbürgerlein aus dem Publikum scheinbar versehentlich vom »Bundesamt für Grausam…« sprechen oder sich ein fahriger, ältlicher Herr im Anzug ohne Maske in den hinteren Reihen so echauffiert, dass auch Brennwald aufgibt, aus den Worten einen Sinn zu lesen. Dennoch: Die Diskussion auf der Bühne ist interessant, und ein bisschen vom Hexenmeister scheint durch, wenn Brennwald betont, der Film »Unerhört« werde gemeinsam mit der Diskussion online publiziert, da beide eine zwingende Einheit bildeten.

Pustekuchen.

Als der Film endlich (mit Verspätung) online zugänglich ist, ist er eine Enttäuschung. Ich hatte mich doppelt geirrt, und Brennwald hat sein Versprechen, Film und Diskussion im Zusammenhang zu publizieren zunächst nicht gehalten: Auf Vimeo ist der Film ohne Diskussion publiziert.Unerhört+(Version mit Diskussion aber unter: https://www.youtube.com/watch?v=wILfBLrDChQ&t=1879s)

Geirrt hatte ich mich, weil ich zu Unrecht angenommen hatte, dass der Titel ungehört bedeuten sollte, aber der Film enthält vor allem eine Collage bekannter Thesen, wie sie aus allen Foren und Gassen tönen. In Schweden ist alles besser; gefährliche Viren – wie die Grippe – kennen wir. Dazu braucht es keine Massnahmen. Usf. Der Film versprüht den Geist des Sommers, und man könnte sich die Hände reiben und den zu oft zitierten Satz von denen dazu setzen, welche die Geschichte bestrafe, weil sie zu spät kommen.

Geirrt hatte ich mich aber auch, weil ich der Meinung war, es sollten im Film wichtige Hinweise auf problematische Folgen der gesundheitspolitischen Massnahmen gegeben werden. Durch seine einseitige Polemik verhindert der Film aber gerade die Debatte. Eine solche Polemik kann Wirkung nur erzielen, wenn sie als zugespitzte Einspielung in einer Talkshow die Diskussion anheizen soll. Als standalone-Doku ist der Film eine Ausladung.

Brennwald, der den Dialog in Dübendorf nur selbst auf dem Podium herzustellen vermag, hat am Ende eine etwas kümmerliche Rolle: Ist er Hexenmeister oder eher der Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr zähmen kann?

In fast jedem apokalyptischen Blockbuster ist das zu sehen: ein Virus befällt die Welt, ein vernichtender Sturm, eine neue Sintflut, Aliens. Immer gibt es ein äusserliches Krisenszenarium, und fast immer wird mit dem Film die eine oder andere Eigenart unserer Gesellschaften entlarvt: der Mangel an Solidarität, die Unfähigkeit in Krisenzeiten ein Mindestmassmass an Zivilisiertheit zu bewahren, die Neigung der Menschenheit zur Selbstzerfleischung. Das vergleichsweise harmlose und gleichwohl nicht zu unterschätzende Virus des Jahres 2020 hat eben diese Funktion. Es zeigt uns, wie die Menschheit funktioniert: ein Teil verwandelt sich in eine Meute polemischer Kommentatoren, die Andersdenkende ins Gefängnis stecken wollen. Diese Vorhersehbarkeit ist ebenso langweilig wie erbärmlich.

Was braucht es für einen Konflikt? Einen äusseren Stachel, bestehende Differenzen, eine kollektive Polarisierungswut. Der äussere Stachel ist die gemeinschaftliche Erfahrung der Grenzen der Freiheit, einfach dadurch, dass die Welt so komplex ist, dass sie nicht jederzeit unseren Wünschen nach Urlaub, Sonnenschein und Sangria sich fügt. Die Partnerin läuft einem nur selbst weg; das Schrottknie, das ersetzt werden muss, ist ein individuelles Schicksal. Da mag man biblisch Jammern und Zähneklappern, aber es reisst kein System aus den Fugen. Wenn freilich noch so banale Einschränkungen unseres Dranges, Herr*in des eigenen Lebens zu sein, kollektive Erfahrungen werden, so hat dies jedes Potential dazu, das schwächere Gemüter zu Wutbürger*innen werden. Dann findet sich schnell zusammen, wer in der Lage ist, seine lang gehegte Angst, nicht ernst genommen zu werden, an die Entwicklung der Krise zu hängen: in unserem Fall nicht nur wissenschaftlich abgehängte Virolog*innen, Ärzt*innen und Wunderheiler*innen, die endlich ihr Publikum finden, sondern Impf-, G5- und grundsätzliche Staatsgegner*innen. Es gab sie schon immer, und man hat sie entweder belächelt oder gemieden. Nun aber finden sie plötzlich Gehör, denn ihnen, die ihre Ideen zur Erklärung anbieten, warum Urlaub, Sonnenschein und Sangria gerade warten müssen, laufen nun die Frustrierten zu.

Bald wird Stufe zwei erreicht: die Radikalisierung. Die Radikalisierung besteht darin, die zeitweise kaum bemerkbaren Differenzen zu grundsätzlichen Gegensätzen aufzubauen. »Zieht den Trennungsstrich jede Minute«, heisst es in einem terroristischen Pamphlet des deutschen Herbstes. Abkapselung, Diskursverengung, Ausbildung eigener Sprachbilder, Diffamierung des Gegners, der inzwischen immer ein ‘Faschist’ ist, den man ins Gefängnis stecken oder am liebsten aufknüpfen, in den gröbsten Entgleisungen gar vergasen möchte.

Radikalisierung sucht keinen Dialog, sondern stellt eine Forderung: »Sag mir, wo Du stehst!«

(Mehr so als Fussnote: Als es in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik zunehmend engstirniger und unfreier wurde, ist aus der ostdeutschen Liedermacher*innenbewegung, die es ebenso wie im Westen gab, eine staatstreue Veranstaltung geworden. Den bekannten Solidarisierungssong aus der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung »Which Side Are You on« dichtete die Gruppe Oktoberklub flugs um in eine Hymne der Freien Deutschen Jugend. Aus dem Solidarisierungslied wurde eine gesinnungspolizeiliche Massnahme. Maskenskeptiker*innen sollten vor allem Refrain und dritte Liedstrophe intonieren: »Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen. / Auch nickende Masken nützen uns nichts. / Ich will beim richtigen Namen dich nennen / und darum zeig mir dein wahres Gesicht.«)

Stufe drei und vier? Symbolische und tatsächliche Gewaltakte. Punkt. Es ist erstaunlich, dass Modelle von Konfliktdynamiken in der Beschreibung der Phasen vor einer Eskalation meist sehr differenziert sind, während die Eskalation einfach den Schlusspunkt bildet. Real erlebbare Konflikte scheinen dagegen die ausdifferenzierten Konfliktdynamiken der Modelle einfach zu überspringen und gleich in die Eskalation überzugehen.

Die ersten Verlierer sind immer die Gemässigten, die den kritischen Diskurs führen wollen, eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen, im Fall nicht nur die Schweiz, sondern auch Schweden aus kritischer Distanz wahrnehmen können, Masken tragen, obwohl ihre Wirkung vielleicht überschätzt wird (und zwar auch über der Nase), die eine oder andere Massnahme kritisieren, ohne den Bundesrat hinter Gitter bringen zu wollen. Die Brennwalds also vielleicht…

Ein entfernter Bekannter auf Facebook, der über Wochen seine Wut über eine zerbrochene Beziehung im Social Media Kanal in aberwitzigen emotionalen Achterbahnfahrten ausgelebt hat, hat nun das Thema Corona entdeckt. Nach ein paar zögerlichen Posts aus der Perspektive des medizinischen Praktikers teilt er nun Botschaften der Alternative für Deutschland.

Stefan Büsser und Daniel Koch haben jetzt auch einen Youtube-Kanal, der sich an die Vernünftigen richtet. Hockdownhttps://www.youtube.com/watch?v=L0NWbVrFwU0&feature=emb_logo

Der Bundesrat sendet eine Botschaft der Vernunft, die von allen einzelnen Bundesrät*innen formuliert wird.Bundesrathttps://www.youtube.com/watch?v=-a_ayO-VGlc&feature=youtu.be

Am anderen Morgen ist der Sonnabend draussen neblig, die Sicht ist begrenzt. Zwischen den wenigen roten Blättern am japanischen Ahorn hüpfen die Spatzen von Zweig zu Zweig. Das Unbehagen sitzt neben dem Morgenkaffee irgendwo in der Magengrube. Der Tag wird dann sonnig werden. Zeit für Gartenarbeit.

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "„Sag mir, wo Du stehst!»," in: LITERATURFORUM.CH, 31. Oktober 2020, https://literaturforum.ch/archiv/238; gesehen am 17. Mai 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch