Gedanken in meiner Marsstation

Das bringt es eben mit sich: Social Distancing reduziert den Bewegungsradius und die Zahl zwischenmenschlicher Kontakte. Aus meinem Wohnzimmerfenster blicke ich in die rot-rosa-orangene Kulisse einer untergehenden Sonne. Im späten Herbst verschwindet diese im verkürzten Bogen an einer stärker westlich und nicht so weit nordwestlich gelegenen Stelle hinter dem Horizont, und daher kann ich das Spektakel der Farben einfach vom Fenster aus geniessen. Untergehen sagen wir noch immer, obwohl das auch als Metapher nicht taugt. Die Sprache hinkt hinterher, Jahrhunderte schon, und schleppt mühelos überholtes Wissen in die Gegenwart. Das erinnert mich nun, da ich die späten schwarzen Striche der Spaziergänger*innen sehe, die in typischer Haltung ihre Smartphones in den Abendhimmel recken, an Manfred Frank, der in seinem Buch Unendliche Fahrt (1979) schreibt: 

„Jedes Motiv, das in literarischen (und allgemein: kulturellen) Gebilden überlebt hat, bricht ein Stück kultureller Erbschaft an, um sie im Vorblick auf ein bestimmtes Projekt von der Zukunft dieser Kultur neu zu deuten: Was immer sich inzwischen verändert haben mag ‹…›.“

(Manfred Frank)

Aber in Bezug auf die leer gewordenen Floskeln der Sprache verhält das nicht. Hier werden keine Erbstücke zu Werkzeugen aktueller Weltdeutungen gebraucht, geschweige denn zu Zukunftsprojekten. Wider besseres Wissen bleibt der Sprachgebrauch zurück. Gut, die untergehende Sonne ist noch einigermassen poetisch, und es schwingt vielleicht ein bisschen memento mori mit, wenn wir uns die Sonne als verschwindend vorstellen. Das kann nicht schaden. Gleichwohl ist das nur etwas für Nostalgiker wie das generische Maskulinum oder der Mohrenkopf

Immerhin neigt sich ein kalter und sonniger Novembersonntag dem Ende zu und Nachtschwärze zieht von Osten über den Himmel. Vor dem Fenster hüllt sich die Welt ein und verkürzt die Sicht ins Aussen.

Das ist ja auch einer der Gründe, warum ich nun gerade nicht in Betrachtung der abendlichen Himmelsfarbspiele verharren kann, sondern der Geist sich eine mehr oder weniger intelligente Beschäftigung sucht. Himmelsfarben ploppSonnenuntergang plopp Sprachkritik plopp Motivgeschichte plopp Seitenhieb auf die Mohrenkopfnostalgiker. 

Alles im Kopf, nun in digitalen Zeichenstrings auf dem Bildschirm.

Auch wenn ich selbst mit diesen Gedanken ganz zufrieden bin, so handelt es sich weder um Philosophie, noch um eine irgendwie geisteswissenschaftliche Beschäftigung mit einem Sprachproblem. Der Geist denkt einfach, und er tut dies bei ehrlicher Selbstbetrachtung eher unwillkürlich. Immerhin in gewohnten Bahnen: also irgendwie mäandernd.

Sicher: da kann auch mal ein Glücksgriff darunter sein, der die Basis zu einer wirklichen Erkenntnis bildet. Dafür ist ja der Geist da.

Spannender ist zunächst aber das Phänomen selbst. Das Ungenügen des Augenblicks.

Das Leben ist ja auch wirklich enger geworden. In den Kontakten, im Zeitmanagement. Manchmal frage ich mich, wie ich nach einem Ende der Wochen im Homeoffice eigentlich meine Arbeit schaffen werde. Wo soll ich die Zeit hernehmen für Pendelfahrten zwischen Schreibtisch und Schreibtisch? Der Terminkalender ist gefüllt wie eh und je, aber auch an den Rändern. Zoom-Sitzungen, Skype-Videochats, kollaborative Dropbox Paper-Arbeiten, Inputvideos für die digitale Lehre usw. usf. Ich lebe wie in einer Marsstation, und während ich auf die Ankunft der nächsten Crew warte, pflege ich digitale Daten, ein wenig den Garten, für den es immerhin keine künstliche Atmosphäre braucht, und halte am Bildschirm Kontakt.

Nun gut, die realen Familienkontakte sind eher intensiver. Das ist wohltuend. Ab und an rede ich mit Nachbarn in Realpräsenz. Meine gerade anwesende Tochter ist dann freilich ungeduldig, denn niemand darf die Vaterstunden stören, also auch nicht die liebe Nachbarin vom Berg, die auf der Wahlliste steht und klingelt, um einen Prospekt loszuwerden. Gewählt und abgestimmt habe ich – ganz Neubürger – schon längst, aber ich freue mich über den Besuch, den meine quängelnde liebe Jüngste dann rasch abwimmelt. Manchmal würde ich gerne ungezwungen abends mit einem Kollegen oder einer Kollegin ein Bier trinken. Am Wochenende vielleicht auch am Nachmittag, wenn die Sonne scheint und man sorgloser draussen spricht, trinkt und einfach die Gegenwart eines anderen Menschen geniesst. Aber alle anderen haben ja auch ihre Kontakte reduziert; Spontanes findet seltener einen Weg hindurch.

In meiner Marsstation warte ich auf die Crew, die irgendwo in ihrer Kapsel auf dem Weg ist. Ja, die Gegenwart ist anspruchsvoll, da muss man auf sich aufpassen. Auch auf den eigenen Geist.

Nun kann ja nicht jede*r ein neuropsychologisches Studium absolvieren, um diesem Geist, dem der Augenblick nicht genügt, nachzuforschen, aber vielleicht hilft ja schon die Selbstbeobachtung, nicht bei der Betrachtung des Abendhimmels stehen bleiben zu können: Aha, der Geist. Er spielt seine Geistspiele, ist ja interessant.

Das Wochenende brachte immerhin die Möglichkeit zu drei ausgedehnteren Hundespaziergängen, und gerade morgens, wenn die Minustemperaturen der Nacht auf jedem Grashalm der Kuhweiden weiss glitzernde Ränder hinterlassen und manches gelbe Herbstblatt auf dem harten Boden zwischen leicht zu knackenden eisbedeckten Pfützen sich mit ebendiesem Eiskristallzauber umhüllt, lässt sich der leicht schweifende Geist durch unmittelbare Wahrnehmung einfangen. Einfangen heisst beobachten: Ich sehe Dein Wirken Geist, Du spielst wieder auf der Partitur der Lebensdramen oder der schlauen Erkenntnisse. Gerade höre ich Dir nicht zu, die Sonne glitzert in den frostigen Böden. Hier ist der Tritt fester, dort hat eine frühe Sonne den Boden schon wieder aufgeweicht.

Wer anfällig ist für das Kreisen der Gedanken, wird diese Momente schätzen, in denen schon am Beginn unwillkürlicher Spiralen einfach das Gespür für den richtigen Tritt auf den Boden in den Moment zurückführt.

Das Wochenende brachte am Samstag auch Müdigkeit, Nichtstun, Nachmittagsschlaf, Erholung von der Erschöpfung. Da schläft man dann einfach, der Geist auch.

Neben all dem Unsinn, der von der Erde in meine Marsstation dringt, also den Meldungen über einen verblendeten abgewählten Präsidenten, über die letzten Aufrechten der Maskenverweigernden, die immer noch nichts begriffen haben, oder den Verschwörungstheorien der Neugerman*innen und Schwurbeleien der Anthroposoph*innen, ist aber auch Interessantes eingetroffen. So die Nachricht von einem Buch Out of My Skull: The Psychology of Boredom (2020) von James Danckert and John D. Eastwood, das ich erst später werde lesen können, da es in der Bibliothek noch nicht angeschafft ist und mein Lektüreradius sich jenseits der eigenen Bibliothek derzeit weitgehend auf Digitalisiertes begrenzt. Immerhin hat James Danckert seine Psychologie der Langeweile in einem Vortrag auf Youtube zugänglich gemacht. Dort unterscheidet er zwischen meinem dominanten Samstagsgefühl und der am Sonntag unterschwellig aufsteigenden Stimmung: zwischen Apathie und Langeweile.

„Boredom is absolutly a motivitional state of mind, is a call to action.“

(Danckert in seinem Vortrag)

Langeweile ist das Ungenügen des Augenblicks, die Sehnsucht danach, dass etwas Anderes erlebt werden müsste, als gerade passiert. Versteht sich von selbst, dass Danckert auch die Anna Karenina gelesen hat. Ein Warten auf Veränderung vielleicht; Ausdruck einer Latenz, die Veränderung ersehnt, aber deren Richtung nicht kennt. Es ist spannend, Danckerts Ausführungen zu folgen, dass sich physiologisch die fokussierte Tätigkeit und die richtungslose Erregung als diametral entgegengesetzte Phänomene feststellen lassen. „Call to action,“ aber ohne Erkenntnis eines Ziels. 

Dass Danckert auch gefragt ist, wenn es um die Psychologie des Lockdowns geht, liegt nahe. Das Leben in der Marsstation begrenzt den Radius, verhindert die Gespräche im Foyer des Schlachthaustheaters, die Kontakte auf dem Flur mit Kolleg*innen, das Gefühl eigener Wirksamkeit und sei diese nur die Möglichkeit, eigene Gedanken und Forschungsergebnisse vor Kolleg*innen und Studierenden zu präsentieren (und für diese vielleicht persönliche Wertschätzung zu erfahren). In meiner Marsstation gelten die Routinen des Erdenlebens nicht mehr, die unmittelbare Erfahrung eigener Wirksamkeit ist beschnitten.

Gestern beim Spaziergang glitt eine grosse, prächtige Gabelweihe hoch über meinen Kopf, sicher eine der grössten, die ich bisher gesehen habe. Die Krähen stoben aus dem Acker auf, verhakten sich in den hohen Ästen naher Bäume. Und jene beiden Krähen, die sich dort zankten – ausserhalb der Paarungszeit und nicht um Futter streitend? Hunde und Katzen, die sich langweilen, können Dir einfach auf die Laptoptastatur springen und Veränderung einfordern. Ein Spannungszustand entlädt sich oder wird durch Selbstkontrolle abgelenkt. (Ob nur der Mensch sich Selbstregulierung aneignen kann, weiss ich nicht; wäre interessant.) Das Verhältnis von Selbstregulierung und Langeweile ist eines der zentralen Themen von Danckerts Arbeiten. Jugend, genetische Faktoren, Hirntraumata sind einige bedingende Elemente geringerer Selbstregulierung und entsprechender Zustände von Langeweile. Es ist ja klar, dass nicht alle erreicht werden, solange man nur an die Vernunft appelliert, um ein pandemiegerechtes Verhalten zu erreichen.

Ja, ich glaube schon, dass es eine Art von Selbstregulierung ist, den eigenen Geist bei seinen Abschweifungen zu beobachten. Auch der Versuch, Pandemieerfahrungen in Texte umzusetzen, die vielleicht auch der eine oder die andere lesen mag, können als meine Antwort auf den call to action gedeutet werden. Nach den empirischen Daten von James Danckert ist zumindest auch die Chance gegeben, in meinem Lebensalter das Erregungspotential der Langeweile durch Selbstkontrolle abzufedern. 

Dennoch ist es das gleiche Moment der Langeweile, dass den Jungen antrieb, der am vergangenen Wochenende ohne Helm mit einer Art tief liegendem Breitreifentöff Runde um Runde mit lautem Geknatter um die Siedlung und über die Fussgänger- und Fahrradwege seine Runden drehte. Die gleiche Langeweile, welche die Kommentarspalten der Social Media Kanäle füllt, um bitte, bitte gehört zu werden (in einer beständigen aemulatio aller Mittel populistischer Rhetorik). Mit verzerrten Gesichtern rufen Menschen, die sonst zum Feierabend ruhig ihr Bier an irgendeiner Würstchenbude tranken, vor dem Berliner Reichstag eine Revolution aus. Im Gegensatz zum Moped hilft hier einfach, den Ton abzuschalten.

Nachdem ich Danckerts Vortrag gehört habe, schicke ich einer lieben Verwandten eine SMS: Ob sie das kenne; ich würde so gerne mit einer Fachkundigeren darüber sprechen. Zwar kommt gerade kein elektronisches Signal aus ihrer Raumkapsel in meine Marsstation, aber ich weiss nun schlagartig, was mir am meisten in dieser fehlt: Intersubjektivität, die Kontrolle durch eine Gegenmeinung. Sie ist einer der Grundpfeiler des nicht davon galoppierenden Denkens. Also eine Kommunikation jenseits der akademisch-beruflichen Gespräche – möglichst in unmittelbarer Gegenwärtigkeit eines intelligenten, sympathischen Gegenüber.

Kann einem langweilig sein, wenn man Sympathie in Präsenz empfindet?

Klar gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, den unruhigen Geist zu disziplinieren. Achtsamkeitstraining – dessen Wirksamkeit auf Langeweile Danckert bezweifelt –, Meditationen, die für viele Menschen übrigens tatsächlich langweilig sind: eine unerträgliche Spannung zwischen Tun und Wollen, ohne dass das Wollen auf ein gescheiteres Anderes gerichtet wäre. Eine überaus nützliche Übung ist hier auch die Philologie, wenn man nachbuchstabierend den Kurrentschriftzügen auf alten Manuskriptbögen folgt und beobachten kann, wie oft der eigene Geist, der schon zu wissen meint, worum es geht, sich in den simpelsten Zeichenfolgen verliest. Philologie ist nicht ohne ein hohes Mass an Selbstkontrolle zu leisten. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.

Es verwundert kaum, dass es an der positivistischsten aller Editionen – der Weimarer Goethe-Ausgabe – einen Mitarbeiter, der dort sein Auskommen suchte, vor lauter Langeweile zu zerreissen schien: Rudolf Steiner.

Schon bald wurde die anfangs von ihm als faszinierend empfundene Archivarbeit für ihn jedoch zur Qual.

(Heiner Ulrich, Rudolf Steiner. Leben und Lehre. München 2011)

Steiner klagte über alles und jeden: über bornierte Weimarer Verhältnisse, über ein kärgliches Gehalt, über philologischen Frondienst an der Goethe-Ausgabe, über die überbordende Arbeit in seinen diversen Editionen, über fehlende Anerkennung – und das jahrelang.

(Helmut Zander, Rudolf Steiner. München 2016 [2011])

The major reason for his disappointment was that he discovered a fundamental difference between his own attitude and that of the majority of his fellow workers, whose approach to Goethe’s work was, to use Steiner’s invariable word for it, ‘philological’.

(Stewart C. Easton, Rudolf Steiner. herals of a New Epoch. Hudson/NY 1980, S. 56.)

Auf der Venusstation, die mindestens so isoliert ist wie meine Marsstation, kann man anstelle des rot-rosa-orangenen Farbspektakels, welche das Sonnenlicht auf der Schattseite der Erde im Übergang zur Nacht bei günstigen Verhältnissen erzeugt, „ein grünlich-gelbes Licht“ sehen. Das sind die Keimdünste der Heringseier, die nicht wie das Wasser wieder als Regen auf die Erde zurückfallen, sondern in die Weiten des Weltenraums abzischen. Ein wahrlich wunderliches Ereignis, das Rudolf Steiner in seinem Dornacher Vortrag vom 23. Dezember 1922 als gegebene Tatsache imaginiert. Das sähe einer, der auf der Venus sei. Ganz bestimmt.

Wäre man ein Biograph nach Art eines Emil Ludwig oder Stefan Zweig, dann könnte man die Geschichte des phantasierenden Geistes von Rudolf Steiner vielleicht darauf zurückführen, dass ihm in Weimar häufig so entsetzlich langweilig war und er vor den Qualen einer philologischen Arbeit in das Kopftheater flüchtete, deren Strenge einen Zen-Buddhisten herausfordern könnte. Es wäre erheiternd, aber auch nur wieder eine narrative Verführung. Dennoch: Nur jemand, der ohne direkte Wahrnehmung, Selbstregulation und intersubjektive Zügelung des Geistes denkt, schreibt und spricht, kann am Ende der Phantasien über Menschen- und Heringskeime das Ausrufezeichen setzen: „das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, ist absolut logisch.“

In der Marsstation rauschen die Heizungsrohre, eine batteriebetriebene Uhr tickt wie ein kleiner Wecker die Sekunden ab. Der Hund heischt Aufmerksamkeit. Es braucht Strategien, um die Situation einfach leben zu können.

Was einem so einfällt, wenn man durch das Fenster des Wohnzimmers in den Abendhimmel schaut: Zum Beispiel was wirklich wichtig wäre, worauf es sich zu warten lohnt. Hier bin ich, warte auf ein Gespräch (also eine kommunikative Interaktion mit mehr als nur einem Audio- und Videokanal). Beschäftigt mit Arbeit, Erholung, eigenem Schreiben und der Lektüre von Danckerts Buch, wenn es dann kommt.

Kann einem langweilig sein, wenn man über Langeweile nachdenkt?

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "Gedanken in meiner Marsstation," in: LITERATURFORUM.CH, 23. November 2020, https://literaturforum.ch/archiv/255; gesehen am 30. Juli 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch