VIII. Schon ist die Tür geschlossen

Ein Rückblick, 8. und letzter Teil

Der Frosch, wenn er still sitzt, ist ganz Schauen, ganz hockende Masse, ein amphibischer Buddha. Wird er erschrocken, ist er ganz Muskel, ganz Sprung, ganz Aufplatschen und Eintauchen. Ein Mensch könnte nie so ins Wasser springen wie ein Frosch, ohne sich in den Augen der anderen als lächerlicher Froschspringer zu sehen. Nur selten kann er so sitzen, ohne ans Springen zu denken oder ans Nass. Wie lange braucht der Frosch, bis er sich unter Wasser vom Schrecken erholt hat? Denkt er an die Gefahren? Werweisst er, wer ihn aufgeschreckt hat – Reiher, Storch, Mensch oder Katze? Ich stelle mir vor, er ist ganz Wasserwesen im Wasser, ganz eingetaucht ins kühle Nass und schon wieder mit der Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung beschäftigt: mit dem Schlamm, den Steinen, dem Teichpflanzenkorb des Seegrases, der Trübung und dem Wasser eben.

Schon nach wenigen Tagen war er da. Gerade erst hatte ich zwei Löcher zwischen die Rosen gegraben, passend für zwei runde Mörtelwannen, die als Miniteiche nun mit Wasser gefüllt sind. N. kam vorbei, schenkte dem Garten, dem Wasser und mir eine Seerose. Weitere Pflanzen wie eine Kardinalslobelie, eine kleinblättrige Schwimmpflanze und das Teichgras ergänzten später die Begrünung. Da war der Frosch schon da. Zuerst dachte ich, einer der Spatzen wäre ins Wasser gefallen und müsste – tata! – von mir gerettet werden. Als ich im Garten anlangte, war es ein Frosch, nach meiner Vermutung ein Teichfrosch, der, alle vier Gliedmassen von sich gestreckt, vor dem selbstberufenen Spatzenretter entsetzt platschgurgelnd ins Wasser sprang und also verraten war. Er lebt nun dort.

Wenn ich an den Bottichen vorbeigehe, denke ich manchmal an einen Satz des wunderbar leisen ostdeutschen Schriftstellers Hanns Cibulka: «Wir alle haben verlernt, vor dem Tier einen kleinen Umweg zu machen, damit auch die Kreatur genügend Raum zum Leben hat.»

Noch gilt für die Universität die Aufforderung, möglichst im Homeoffice zu arbeiten, und obwohl mit dem Semesterende eine sattsam gefüllte Zeit der Projektorganisation und Forschungsarbeiten beginnt, ist der Garten also immer noch nah. Zugleich ist es lauter geworden. Die Frequenz der Züge hinter dem Garten hat zugenommen. Am Bahnhof lärmt eine Grossbaustelle, und die Pfingsttage werden vom aufdringlichen Lärm eines Kleinflugzeugs durchbrochen. Das Geschäftsleben hat wieder begonnen. Dass ich unbedingt Teichpflanzen haben wollte, gab immerhin Einblick in das Parkplatzgedränge beim Gartencenter – und in den eigenen Anteil daran, obwohl ich ja seit Jahren schon keinen eigenen Wagen mehr besitze. Auch das gesellige Leben fasst wieder Fuss. Ich war für Sonntag in der Familie, für Montag bei Freunden eingeladen, und inzwischen sammeln sich auch Arbeiten, die einen Gang ins Büro notwendig machen.

Zurück geht es nicht mehr. Selbst wenn aufgrund nachlassender Vorsicht ein zweites Mal die Erkrankungszahlen rasch ansteigen sollten, wird es diesen Wechsel aller Lebensverhältnisse im Lockdown nicht mehr geben. Sei es, dass wir genug Erfahrung gesammelt haben, sei es, dass zu vielen die Geduld abhanden gekommen ist oder die wirtschaftlichen Folgen tatsächlich bedrohlich würden. Es gibt viele Gründe für die Annahme, dass dieser Moment des Lockdowns die einzige kollektive Erfahrung einer anderen Lebensform sein wird, die wir Heutigen erleben werden. Wer jetzt nicht die Stille der Welt oder die gemeinschaftliche Hingabe an bedürftigere Andere erfahren hat, wird dies in dieser radikalen und kollektiv zugänglichen Weise nie wieder in seinem Leben erfahren können. Schon hat sich eine Tür geschlossen. Schon ist die Anderswelt der direkten Erfahrung entzogen. Schon beginnen die Interessen ihre Erzählungen. Das Nachher baut seine Brücken ins Vorher auf ausgetretenen Pfaden. Fast alle Erzählungen vom Staat, der die Wirtschaft behindere und nun Schadensersatz leisten solle, von den Frauen, die einmal mehr die Last der Krise trügen, von den angeblich so vielen Faulen, die den Lockdown als Ferienzeit gebraucht hätten, dienen nur der Bestätigung des ohnehin Geglaubten, werden ohne den nüchternen Blick einer genauen Analyse vorgetragen.

Hanns Cibulkas lyrische Tagebucherzählung über einen Besuch auf der Hauptmann-Insel Hiddensee, «Seedorn», erschien 1985 im Mitteldeutschen Verlag. Ebenso wie den bereits genannten Adoleszenzroman von Joachim Walther erstand ich den schmalen Band als Buchhandelslehrling auf Ostdeutschlandfahrt. Gelesen habe ich ihn erst später; an stille Bücher muss man sich heranleben.

In einer kurzen Notiz, die sich auch auf das Hauptmann-Bild in der DDR-Germanistik bezieht, kritisiert Cibulka mein Fach: «Es gehört zu den Irrtümern der Zeit, daß einige immer noch der Meinung sind, Germanisten würden von einem Autor mehr verstehen als das Publikum im Parkett. Wahr ist, sie sehen den Autor allzuoft durch ihr eigenes ästhetisches Gitter, sie führen fast alles auf festgelegte Kriterien zurück.»

Die Geisteswissenschaften haben eine Mitverantwortung für die Krise der Intellektuellen, von der in den Feuilletons nach einer anfänglichen Pandemiedeutungswut häufig die Rede war. Sie ist auch das Produkt unserer kulturwissenschaftlichen Slogans und auch Resultat einer Nachwuchspolitik, welche die Karriereplanung auf geschickt vermarktete und in den Thesen anschlussfähige Arbeiten aufbaut. Anleitungen für Bachelor- und Masterarbeiten, Dissertationen, Stipendien- und Forschungsanträge ähneln sich heute sehr weitgehend in der Grundperspektive: «Mit der Formulierung der Forschungsfrage steht und fällt das Gelingen jeder wissenschaftlichen Arbeit, denn sie bestimmt, welches Material zitiert, wie die Argumentation aufgebaut wird und was das Ziel ist.» (Quelle: Website Bachelorprint.ch). Gerade bei begabten Studierenden, die mit Plänen für eine Masterarbeit in eine Sprechstunde kommen, zeigt sich nicht selten: Es fällt ihnen nicht schwer eine kluge Forschungsfrage im Sound der Cultural Studies zu formulieren, und sie suchen dann nach Texten, die sich eignen, um diese Forschungsfrage zu beantworten, die dann eine rhetorische Frage ist und also die eigene Bestätigung einfordert.

«Ich glaube, Leute die gut denken, denken zu schnell,» sagte Peter Bichsel bei den digitalen Solothurner Literaturtagen.

Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe Studierender habe ich vor einigen Semestern das amerikanische Methodenhandbuch «Rhetorical Criticism» der didaktisch sehr begabten Sonja K. Foss durchgearbeitet, das inzwischen in der fünften Auflage erschienen ist, aber an hiesigen Universitäten kaum Aufmerksamkeit erfahren hat. Es handelt sich um eine Art Werkzeugkasten zur rhetorischen Textanalyse und um eine praktische Anleitung zum wissenschaftlichen Schreiben. Die Studierenden waren erstaunt, als sie dort über die Arbeitsschritte auf dem Weg zu ihrer Arbeit lasen: «(1) selecting an artifact; (2) analyzing the artifact; (3) formulating a research question; (4) reviewing relevant literature […]; (5) writing the essay […].» Am Anfang mancher eigenen Forschungsarbeit stand eine Irritation, nicht selten ein Buch, verstaubt in einem Antiquariat, weit ab vom Kanon des bildungsbürgerlichen Bücherbords, dessen Titel, Entstehungszeit, Aufbau oder Inhaltsaspekt nicht in mein anstudiertes Wissen passte. Der Zufall als Korrektiv des Denkens.

«Beobachten ist Schauen mit einem Vorurteil,» sagte Bichsel bei gleicher Gelegenheit. Der US-amerikanische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Charles Johnson rät in seinem Essayband «Turning the Wheel» als Kur gegen die Fallstricke des Denkens zur Beschreibung: «description, which both philosophy and fiction share as a tool for unlocking the truth.» Cibulka beschreibt die sinnliche Erfahrung eines Sonnenaufgangs über dem Meer: «Die göttlichste Gabe des Lebens beginnt: das Schauen.» An seinem Buch gefällt mir das mäandernde Denken zwischen den Momenten einer Hingabe an die Unmittelbarkeit des Hörens, des Riechens und des Schauens. Ein Text mit lauter kleinen meditativen Inseln. Es kann kaum anders sein, dass Cibulkas «Seedorn» ein wirkliches Tagebuch zugrunde liegt. Die direkte Erfahrung überlebt in den Erzählungen nicht.

Man muss in der Anderszeit aufmerksam gelebt haben, um aus den unmittelbaren Erfahrungen sprechen zu können. Listen helfen:

Liste positiver Erfahrungen im Lockdown,

Liste der Schwierigkeiten.

Liste der Vögel in meinem Garten,

Liste der Vögel auf Spaziergängen: Mehlschwalben, Mauersegler, Stare, Saatkrähen, Gabelweihen, ein Turmfalke (rüttelnd, später seine Beute zerzupfend), Spatzen, nur ein Stieglitz, Buchfinken, ein Fischreiher, Kohlmeisen.

Liste der Frösche: Freddy.

(Erstpublikation: Universität Bern in Zeiten Coronas.)

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "VIII. Schon ist die Tür geschlossen," in: LITERATURFORUM.CH, 26. Mai 2020, https://literaturforum.ch/archiv/62; gesehen am 18. Oktober 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch