Nur für das Protokoll

Dann hängt man also irgendwo dazwischen, weiss nicht, ob wir im Wellental angekommen sind und also bald schon das grosse Aufwärtsschwappen wieder beginnt wie im Herbst oder ob die Wellen nun langsam auslaufen. Oder man stellt sich die Frage, wie es sein wird. Also ob man zu den Letzten gehören wird, die dann einmal die Masken ablegen. Wird sicher merkwürdig, wenn dann Nase für Nase die Welt einen wieder mit überzähligen Gesichtszügen flutet. So als würde man durch die Emotionsskala ganzer Hundertschaften von Mitmenschen zappen. Wenig vielleicht von der Würde des menschlichen Antlitzes, das sich als Einzelnes in freundlichem Entgegenkommen offenbart. Sondern etwa mürrisch-gehetzte Mienen, wenn an den Supermarktkassen die Mitsechzigerinnen wieder unmaskiert jede gerade entstandene Lücke mit dumpfem Triumpf besetzen. So könnte es einem ja vorkommen, weil man es nicht mehr gewohnt ist. Also vielleicht.

Zugleich steigt eben der Workload frühjahrsmässig an und vielleicht ist man dann auch gerade nicht ganz so konzentriert, weil einen neben allen pandemischen und semestrigen Angelegenheiten auch Privates beschäftigt.

Man lässt also den Blick schweifen, und mein Blick schweift dabei vom Schreib-, Ess- und Konferenztisch im Home Office durch das Fenster zum Vogelhaus.

Ja, da gibt es eigentlich nicht viel Neues.

Für das Protokoll: Die Spatzen haben nun Oberhand. In den Spatzenpausen fast nur Kohlmeisen. Gestern ein Star, von dem ich aber während eines digitalen Kurses nur einen Blick erhaschen konnte. Unter dem Balkon sammeln die Tauben seltener Heruntergefallenes.

Spektakulär in den letzten beiden Wochen: die Amselhenne in heller Aufregung. Geduckt lauert sie am Vogelhaus, als kniffe sie böse die Augen zusammen. Kein Vogel traut sich in ihre Nähe. Es gibt kein Nistrevier, keine Küken zu verteidigen. Selbst Futtermangel herrscht weit und breit nicht. Sie ist einfach im Vorteil des grössten Schnabels und ihrer entfesselten Aggression und setzt beides ein. Die Spatzen, die sich dem Futterplatz nähern vertreibt sie bis in die nächsten Büsche, fliegt hinterher, droht. Satt ist sie sicher schon lange, aber sie mag ihren Vorteil nicht aufgeben und zetert dennoch: vielleicht vor Futterneid. Urplötzlich sperrt sie den Schnabel auf, jagt auf gestreckten Beinen mit angewinkelten Flügeln laut krakelend über das Balkongitter und stösst nach den Spatzen, die einige Meter entfernt in den Büschen unruhig auf das Futter warten. Der Amselhahn, der ja in seinem schwarzen Federkleid und mit leuchtend gelb-orangem Schnabel stolz und selbstsicher sein könnte, wirkt eingeschüchtert und ängstlich neben der robusteren Braungefiederten. Sie lässt auch ihm keinen Raum. Er gibt bald auf und ist seither nur noch selten zwischen den Spatzen zu sehen.

Warum schmeisst die Amselin dann das Futter in wilden Bewegungen aus den hölzernen Futterrinnen des Volgelhauses, das sie so eifrig verteidigt? Sie sucht wohl irgendeinen Brocken, den sie allen anderen neidet. Mich irritiert diese Aggression bei all dem Futterüberfluss. Die Nachbarn haben ja auch das baugleiche schlichte Holzfutterhäuschen aus dem Supermarkt; für die Spatzen stelle ich Futterschalen vor das Fenster als Ausweichplatz.

Das hilft alles nichts.

Im Internet lese ich über weibliche Aggressivität unter Vögeln. Diese sei vielleicht weniger durch die ritualisierten Konfliktformen der Hähne mit eingespielten Unterwerfungsgesten geprägt und daher von unerbittlicher Brutalität. In Foren berichten schockierte Vogelbeobachter*innen von der Brutalität der Kämpfe zwischen Amselhennen. Okay, das kommt also vor. Aber das Verwundern darüber ist ja auch nur so eine Vorstellung romantisierter Geschlechterstereotypen. Warum eigentlich soll denn eine Amselhenne nicht aggressiv sein?

Also immerhin ist ja ihr Schnabel aus Spatzenperspektive wirklich imposant.

Zwischen Gotthelf und Klabund, XML-Daten und Prüfungsgesprächen, Gutachten und digitalen Arbeitstreffen beobachte ich hinter dem Bildschirm des Laptops die Amsel. Den Impuls, sie einfach zu verscheuchen, um dem kleineren Gefieder Zugang zum Haus zu geben, unterdrücke ich. Aber dennoch verwirrt mich das Gehabe der schnabelbewaffneten Kämpferin, die eine ansteckende Unruhe verbreitet, als wäre ich von der Vogelangst affiziert. Oder ärgere ich mich über den unsolidarischen Unfrieden in meiner Vogelweltidylle?

Was noch ins Protokoll gehört: In den Kommentarspalten wird weitergeschimpft. Bundesrat Berset erhält einige neue Titel, von denen «Sonnenkönig» vielleicht der Freundlichste ist. Glarner, so heisst es, habe verschlafen, dass er Administrator einer Facebookgruppe «Schweiz erwache» ist. Das ist ja immerhin komisch. Die in der Zeitung zitierten Debatten der Gruppe sind es weniger. Mich aber langweilt zunehmend die Haltlosigkeit der Haltlosen. Die Coronapopulisten demonstrieren inzwischen vornehmlich in Provinzstädtchen, sonst bleiben die Protestorte leer.

Aber ja, reales Leid gibt es auch. Mancher Kleinbetrieb bangt um seine Existenz, während die Zeitungen empört berichten, dass in einem bekannten Familienunternehmen die Privatsäckel gefüllt werden.

Beim Spaziergang dann … Der Hund muss raus, die Sonne scheint, und es ist früh im Jahr schon frühlingshaft warm. Beim Spaziergang zeigen sich kleine Starenvölkchen mit ihrem gepunkteten, glänzenden Gefieder. Sie sitzen in dieser aufrechten Starenhaltung in den Hecken und auf halbhohen Bäumen und plaudern, obwohl ich direkt unter den Heckenbäumchen stehe und lausche, in dieser unnachahmlichen Starenart ungestört vor sich hin, die mich spontan an meinen ersten Starwarsfilm erinnert: R2D2, als hätten Stare bei der Entwicklung Pate gestanden. Vielleicht ist deren Geplapper darum so beruhigend und anheimelnd für mich?

Und auch für das Protokoll: Mit Momo sind wir jetzt durch. (Achso, was ich im Stillen gelesen habe: einmal wieder Klabunds Kreidekreis und ganz neu Der Wal von Ally Klein.)

Die Amselin ist mit den wärmeren Tagen allmählich seltener gekommen. Die Spatzen haben nun Oberhand.

Also einfach ein Protokoll. Irgendwo dazwischen. Ende Februar 2021.

Um diesen Beitrag zu zitieren, wählen Sie bitte folgende Nachweisform: Christian von Zimmermann, "Nur für das Protokoll," in: LITERATURFORUM.CH, 27. Februar 2021, https://literaturforum.ch/archiv/314; gesehen am 30. Juli 2021.
Christian von Zimmermann

Christian von Zimmermann ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Editionsphilologie am Institut für Germanistik und am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Seit 2020 führt er den Blog "LITERATURFORUM.CH". Auskünfte über seine akademische Tätigkeit gibt auch die private Homepage: vonzimmermann.ch